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„Manhunt: Unabomber“: Die Geschichte eines Attentäters

Eine Review von Frank Göbel.

Stell dir vor, ich schreibe das Wort „Unabomber“ auf einen Zettel und gebe ihn dir. Was fällt dir dazu ein? Ein junges Start-up aus Kalifornien? Eine Metalcore-Band aus Wisconsin? Zugegeben, ich stand vor demselben Rätsel. Das Wort sagte mir zwar was, doch konnte ich es nicht wirklich zuordnen. 

Der Unabomber war ein Briefbomben-Attentäter in den späten 70ern bis 90ern. Seinen Namen bekam er dadurch, dass er Universitäten und Flughäfen (Airport) bedrohte. Durch seine Päckchen starben drei Menschen, und weitere 23 wurden verletzt. Am 3. April 1996 wurde schließlich der US-Mathematiker Ted Kaczynski vom FBI als „Unabomber“ verhaftet. Wie es dazu kam, ist so sensationell wie unglaublich.

Die achtteilige Serie „Manhunt: Unabomber“ erzählt die Geschichte des Attentäters, zu sehen auf Netflix.

Sam Worthington spielt eine der Hauptrollen: Jim „Fitz“ Fitzgerald, ein junger FBI-Absolvent. „Profiler“ hieß die damals noch völlig neue Berufsbezeichnung, ohne die man heute nicht mehr auskommen würde.

Ted Kaczynski wird von Paul Bettany gespielt.

Jim Fitzgerald (Sam Worthington) bei der Arbeit
Jim Fitzgerald (Sam Worthington) bei der Arbeit

Mit sehr viel Skepsis wird der junge Jim in diesen Fall hinein gezogen. Es fasziniert ihn, wie der Attentäter vorgeht. Sein Privatleben geht dadurch völlig in die Brüche, er verliert seine Frau und seine drei Kinder, da ihn die Aufgabe, den Unabomber zu identifizieren, so in Anspruch nimmt. 

Fitzgeralds Arbeit ist revolutionär. Anhand der Briefe, die Kaczynski schreibt, versucht der Profiler, dessen Identität herauszufinden, stößt aber mit seinem Perfektionismus bei der Taskforce auf wenig Verständnis. Stan Cole (gespielt von Jeremy Bobb), ein stets mies gelaunter FBI-Berater, lässt keine Möglichkeit aus, die Ideen des jungen Kollegen zu schreddern. „Forensische Linguistik“ nennt Fitzgerald liebevoll sein Kind. Bei seinen Nachforschungen hilft ihm die Sprachprofessorin Natalie Rogers (Lynn Collins), die dem Profiler beibringt, wie man aus einem Text ein Profil erstellen kann. Ein Satz kann ausreichen:

„You can’t eat your cake and have it.“

Kaum zu glauben, aber auf diesen Satz stützte sich in der Nacht zum 3. April 1996 der Durchsuchungsbeschluss für Kaczynskis Haus.

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Profiler Fitzgerald und Kollegin Natalie Rogers (Lynn Collins)

Was aber hat Kaczynski angetrieben, die Bomben zu bauen und damit unschuldige Leben auszulöschen? Mit seinen Attentaten wollte er die moderne Gesellschaft und deren Zerfall anprangern. Die Industrialisierung sei der Tod der Menschheit, so der Mathematiker. Im Juni 1995 verschickte Kaczynski deshalb anonym ein Manifest an zwei Zeitungen. Der Titel: „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft.“ Ein 35.000 Wort starkes Werk, in dem er ein Ende der Technisierung unserer Gesellschaft herbei wünscht. Zusammen mit seinem Manifest schickte er ein Angebot: Sollten die Zeitungen seine Ausführungen drucken, würde er die Attentate beenden.

Aktuell sitzt Ted Kaczynski (Überraschung) ein. Er hat im Gefängnis noch Briefverkehr mit 400 Menschen von außerhalb. Seine Briefe dürfen jedoch erst nach 2049 veröffentlicht werden.

Streng genommen, ist „Manhunt: Unabomber“ eine Dokumentation mit erstklassigen Schauspielern, die an eine Zeit erinnert, in der es noch kein WLAN, kein Social Media gab und das Fax-Gerät DIE Kommunikationsmöglichkeit war. Eine Zeit, in der 40 Menschen in einem Großraumbüro saßen, um zu einer Sozialversichungsnummer einen Lebenslauf zu schreiben. Das macht heute ein mittelmäßiger PC in zehn Sekunden. Eines von vielen Beispielen, wie schnell die Welt sich ändern kann. Auch zum Guten.

Alle Fotos: Netflix

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