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Wrestling in Deutschland: Join The KULT

Ein Text von Frank Göbel.

Hand aufs Herz. Wer oder was kommt euch in den Kopf, wenn ihr an Wrestling denkt? Hulk Hogan? The Undertaker? Zu Recht, diese Namen gehören schließlich zu den Legenden dieses Sports. Aber kam danach noch was? 

In Ländern wie den USA, Mexiko oder England ist der Bann für diese Sportart ungebrochen. Aber gibt es eigentlich auch Wrestling in Deutschland? Ja, gibt es. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit einem der Geschäftsführer vom Veranstalter „Wrestling KULT“ zu unterhalten. Rob Graves hat sich die Zeit genommen, um mit mir über die deutsche Szene zu plaudern.

„Zunächst sollten wir festhalten, dass Wrestling ein Show-Sport ist“, so Graves. Ein Sport, der offiziell vom Sportbund in Deutschland als solcher nicht anerkannt wird. „Ist uns aber ziemlich schnuppe, auch wenn man dadurch einige Vergünstigungen hätte.“

In Städten wie Oberhausen, Bochum oder Recklinghausen werden von Wrestling KULT in Konzerthäusern und kleineren Clubs Fights veranstaltet. Dabei ist man ein Start-Up – im Oktober 2016 gründete Rob mit seinem Buddy Kasimir den Verein, im April 2017 gab es die erste Show. „Das war ganz schön sportlich“, erinnert sich Graves. „Da waren viele Anschaffungen nötig. Den Ring allerdings mietet man sich.“ 

Wrestling1_bySidekickPhotographyDie Kämpfer schreibt Graves oft über soziale Medien an. Aber dabei bleibt es nicht. Die Location muss gebucht, Schiedsrichter (ja, die gibt es wirklich) müssen organisiert, Aufbauhelfer angekarrt werden. Ach ja, und Tickets verkaufen sich auch nicht von alleine.

Im Schnitt kommen zwischen 150 und 180 Fans zu den Shows, für einen Verein wie Wrestling KULT völlig okay. Tickets gibt es für 18 Euro. 2018 hofft Graves, pro Show auf 200 zahlende Zuschauer zu kommen.

In England sei Wrestling eine große Nummer. „Da sind 6000 Zuschauer Standard.“  Im UK wird auch in der Woche gerne gekämpft. „Die haben da jeden Tag ,Boxing Day’“, so der Wrestling-Veranstalter. In Deutschland undenkbar. „Der Deutsche ist da mehr aufs Wochenende fixiert.“ Das reicht Rob Graves aber auch. Das Managen ist reines Hobby, hauptberuflich ist er anderweitig voll ausgelastet. „Wenn wir am Ende des Tages bei plus/minus Null rauskommen, ist alles okay.“

Tatsächlich gibt es in Deutschland diverse Wrestling-Ligen: Die GWF (German Wrestling Federation) in und um Berlin, die NEW (New European Championship Wrestling), die Kämpfe in Nürnberg organisiert, sowie die größte deutsche Wrestling-Liga wXw (Westside Xtreme Wrestling) mit Sitz im Ruhrgebiet. 

Die wXw gibt es seit dem Jahr 2000 und ist in den größeren Hallen im Pott unterwegs. Zum Beispiel in der Turbinenhalle in Oberhausen. Da gehen schon mal über 1000 Leute hin. 

Rob wird nicht müde zu erwähnen, dass man nicht in Konkurrenz zu einander steht. Man hilft sich untereinander. Zum Beispiel, wenn ein Kämpfer ausgefallen ist und man Ersatz braucht. „Wrestling KULT bemüht sich, die Lücken zu schließen, die bei der wXw offen sind“. Tatsächlich sei die wXw besonders an familiengerechtem Wrestling interessiert. „Mainstream“, so Graves. Das meine er aber nicht abwertend, immerhin kämen zahlreiche Zuschauer zu den Shows der wXw und „verirrten“ sich darum auch mal zu Wrestling KULT Events.

Aber was ist das Gegenteil zum „familiengerechtem Wrestling“? Oder: Was macht Wrestling KULT anders? „Hier steht der Kampf im Vordergrund“, so Graves. Es gebe „No Rule-Fights“, bei denen alles erlaubt ist. Hört sich martialisch und gefährlich an – doch nicht vergessen: Beim Wrestling geht es um Showkämpfe. Dass hier einer (unabgesprochen) mit einer Motorsäge auf seinen Kontrahenten losgeht, ist eher unwahrscheinlich.

Zu Verletzungen kommt es dennoch. „Eine falsch getimte Kopfbewegung, und du hast den Stiefel in der Fresse. Und auch Rippenbrüche sind keine Seltenheit.“ Das passiert und wird akzeptiert. 

Wrestling3_by_SidekickPhotographyDie Kämpfer, die hierzulande gegeneinander antreten, kommen größtenteils aus Deutschland, von den Wrestling-Superstars aus Mexico oder USA können die Veranstalter hierzulande derzeit nur träumen. Zwar war im Oktober „Super Crazy” aus Mexico am Start, außerdem „El Ligero“ aus England, ab und zu sind Kämpfer aus Holland oder Frankreich mit dabei. Aber das ist eine Ausnahme. 

Die Kämpfer, die in den Ring steigen, sind Athleten, Show hin oder her. Rob macht keinen Hehl daraus, wie wichtig ein durchtrainierter Körper ist: „Je mehr du trainierst, desto ,ansehnlicher’ und angesehener ist man auch bei den Fans. Bierbauch und Joggingbuchse? No-Go!“

Gibt es auch Nachwuchskämpfer, möchte ich von Graves wissen. Er nickt. „Ja, die gibt es. Als Rookie darf man ab und zu auf Shows sein Können beweisen. Kommt man bei den Fans an, hat man gute Chancen, zu weiteren Shows eingeladen zu werden.“

Der Wrestlingsport in Deutschland lebt. Menschen wie Rob Graves, die ihr Herzblut und ihre Freizeit opfern, ist es zu verdanken, dass es ihn hierzulande gibt. Man kann über das Wrestling denken, was man möchte. Für die einen mag es eine perfekte Show sein, für andere Prügelei, für wieder andere ein ernstzunehmender Sport. Aber bevor man urteilt, sollte man sich selbst ein Bild davon machen. 

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