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Itchy: 150 Prozent Klassenausflug

Ein Interview von Sinah Raglewski.

Itchy who? Sibbi, Panzer und Max sind, pardon, waren Itchy Poopzkid. Die dreiköpfige Band aus Eislingen gibt es seit über 15 Jahren. Eine der seltenen Bands, die ihrem Stil über die Jahre treu geblieben und mit ihm gewachsen sind. Die Hälfte ihres Bandnamens musste dieses Jahr jedoch, pünktlich zur neu erschienen Single „Nothing“, das Zeitliche segnen. Aus Itchy Poopzkid wurde Itchy. Ich traf Sibbi und Panzer in Berlin zum Interview. Aber was fragt man eine Band, die schon über 900 Konzerte gespielt und zahllose Interviews gegeben hat? Weiß ich auch nicht! Das kam dabei raus. 

KinKats: In eurem zuletzt erschienenen Musikvideo zu „Nothing“ wird Sibbi gefoltert. Inwiefern seht ihr gesellschafftliche Erwartungen als Folter an?

Sibbi: Mir macht das eigentlich gar nichts aus, ich mache mir da keinen Kopf.

Panzer: Uns war das damals schon nicht so wichtig, als wir uns entschieden haben, einfach nur Musik zu machen, während alle unserer Freunde studiert haben. Damals war es – rückwirkend betrachtet – ein krasser Schritt, „nur“ Musik zu machen. Alle anderen sagten uns: „Seid ihr eigentlich bekloppt, das wird ja nie was.“ Am Anfang hatten wir auch noch keinen Erfolg, da kamen teilweise gar keine Leute zu unseren Konzerten.

Sibbi: Das ist aber auch normal, wenn man als Band anfängt, da muss eigentlich jede Band durch. Die Eltern waren wahrscheinlich die einzigen, die wirklich ein bisschen Schiss hatten und sich fragten: „Was machen unsere Kinder da?“ Wir sind nicht aus einer Riesen Stadt wie Berlin, wo es vielleicht normaler ist, als Kind Künstler oder Musiker werden zu wollen. Bei uns ist es was Besonderes, wenn man als Kind sagt: „Hey, ich mache jetzt nur noch Musik.“ Bei mir war das außerdem so, dass mein Vater auch noch Berufsberater war.

Panzer: Passenderweise.

Sibbi: Der dann jeden Tag erzählt: „Macht was Anständiges, das ist wichtig“, und der eigene Sohn macht dann Musik. Aber das ist im Endeffekt auch egal. Es geht darum, dass wir uns wohl fühlen und glücklich sind. Und wir sind tatsächlich irre glücklich, weil wir das schon ewig lang machen können, als Beruf sogar. Als Beruf, den wir gar nicht als Beruf ansehen. Wir fahren jetzt auf Tour, spielen, können damit unsere Brötchen kaufen und unsere Miete bezahlen. Perfekt!

KinKats: Wie sieht ein typischer Tourtag bei euch aus?

Panzer: Es kommt ein bisschen darauf an, wie wir unterwegs sind.

Sibbi: Und wen du fragst …

Panzer: Und wen du fragst. (lacht) Momentan sind wir mit Sprinterbussen unterwegs, das heißt, wir fahren tagsüber und pennen in Hotels. Ab und zu sind wir mit einem Nightliner unterwegs, da werden wir über Nacht gefahren, während wir im Bus schlafen und kommen dann früh morgens schon in der Stadt an, in der wir spielen. Wir haben den ganzen Tag zur Verfügung, um Sachen zu machen, und Sibbi ist dann wieder auf Sightseeing-Tour.

Sibbi: Ich wollte gerade sagen, das ändert aber auch nichts, weil außer mir niemand was macht. Bei den anderen ändert sich nur die Zeit, wie lange man nutzlos im Backstage rumsifft.

Panzer: Während wir die Show vorbereiten, um alles perfekt zu machen …

Sibbi: … gehe ich raus, gehe in ein Café, schaue mir die Stadt an und komme dann wie von einer Bildungsreise zurück in den Backstage, wo die alle vor ihren Laptops sitzen.

Panzer: Er wird auch jedes mal klüger, wenn er wieder kommt.

Sibbi: Was ich in der Birne haben, das kann man sich fast gar nicht vorstellen. Und die anderen sitzen am Laptop, aber machen natürlich wichtige Sachen.

Panzer: Der Fokus ist mittlerweile schon sehr auf das Konzert ausgerichtet. Man merkt es auch an unserem Trinkverhalten – früher haben wir deutlich mehr getrunken. Mittlerweile ist es so, dass man sich nicht komplett abschießt.

Sibbi: Davor haben wir uns aber auch noch nie besoffen vor einer Show.

Panzer: Ach, vor der Show, ne ne. Aber so nach dem Konzert, dass wir bis fünf Uhr durchfeiern und am nächsten Tag im Arsch sind, das machen wir schon sehr selten mittlerweile. Also auf Tour.

Itchy2017_3Sibbi: Man hat hohe Ansprüche an sich selbst und möchte jeden Abend 150 Prozent geben. Die Leute mit dem Gefühl nach Hause schicken: „Das war der geilste Abend meines Lebens!“ Und wenn man das wirklich am Ende des Abends hört oder am nächsten Morgen als Nachricht liest, dass Menschen sagen, das war das Allerbeste, wäre es unverantwortlich, wenn wir nur mit 70 Prozent auf die Bühne gehen und uns am Abend davor abgeschossen haben.

Panzer: Was auf Tour noch total schön ist, ist, dass man in alle Städten kommt, in denen man mittlerweile schon ganz viele Bekannte und Freunde hat. Die man wieder sieht, weil sie einen besuchen kommen. Ich glaube, wir haben heute 60 Freunde auf der Gästeliste, das ist dann ein großes Hallo. Es ist voll schön, dass man in regelmäßigen Abständen seine Freunde wieder sieht, egal, wo sie wohnen. 

Sibbi: Was auf Tour auch schön ist, ist, dass wir einige unserer besten Freunden mit dabei haben. Unsere Crew nämlich, die teilweise seit über zehn Jahren mit uns mitfährt. Das ist wie ein großer Klassenausflug.

KinKats: Wenn ihr ein Superheld wärt, welcher wärt ihr dann und warum?

Sibbi: Ich wäre gerne Spiderman, weil ich dann in verschiedenen Situationen lässig aus dem Handgelenk irgendwas rausschießen würde. Sitze hier so in der Ecke, da drüben ist ein Getränk, das ich einfach herziehen könnte – fänd ich geil. Und man kann dann auch mal die Wände hoch, im wahrsten Sinne.

Panzer: Ich wäre auf jeden Fall Batman. Aber nur, weil er so ein geiles Auto hat. Ich interessiere mich eigentlich gar nicht für Autos, aber das Batmobil fand ich als Kind schon total abgefahren und hatte es sogar als Modell. Deswegen wäre ich gern Batman.

Sibbi: Ich glaube, du wärst das gern nur, weil er so einen geilen Latexanzug hat und eine Maske trägt.

Panzer: Ja, finde ich auch gut.

KinKats: Wessen Gedanken würdet ihr gerne mal lesen?

Panzer: Von unserem Schlagzuger. Unser Schlagzeuger Max – der Typ ist mir ein Rätsel.

Sibbi: Ich könnte mir vorstellen, der denkt so: Saufen, saufen, saufen.

Panzer: So eine Homer-Simpson-Denkblase. Ein unergründlicher Typ, dem würde ich gerne mal in den Kopf schauen.

Sibbi: Ich würde total gerne Tieren in den Kopf schauen. Es ist oft so, dass ich denke: Was denkt jetzt wohl diese Katze oder dieser Hund?

Panzer: Bei Hunden ist das krass.

KinKats: Ihr habt einen Tag als Frau – was würdet Ihr tun?

Sibbi: Sex haben.

Itchy-All-We-KnowPanzer: Wahrscheinlich schon, oder? Oder mal so richtig schön zum Frisör.

Sibbi: Shoppen gehen.

Panzer: Shoppen gehen und dabei Spaß haben, das ist mir auch unergründlich, aber zum Frisör würde ich gehen, da habe ich auch keinen Spaß dran.

Sibbi: Haben Frauen Spaß daran, zum Frisör zu gehen?

Panzer: Doch, meine Freundin, die geht gerne, die freut sich dann.

Sibbi: Schuhe kaufen noch.

KinKats: Überhaupt keine Klischees …

Sibbi: Sei froh, dass wir nicht gesagt haben: Wohnung putzen oder so. (alle lachen)

KinKats: Bier oder Wein?

Sibi: Nichts von beidem, weil ich nichts davon mag.

Panzer: Abgefahren, oder? Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Bier entscheiden, trinke aber auch sehr gerne Weißwein.

KinKats: Sibbi, was trinkst du? Oder trinkst du gar nicht?

Sibbi: Doch, aber ich trinke eher das härtere Zeug, ich bin mehr so der Cocktail- oder Longdrinks-Trinker.

KinKats: Konzerte oder feiern?

Panzer: Am besten beides verbinden.

Itchy2017_1Sibbi: Das haben wir ja jetzt auch auf Tour. Ich gehe selten auf Konzerte und auch nur zu solchen, die richtig krass sind, wo ich auch Fan bin. Man hat durch das eigene In-der-Band-Sein Millionen Konzerte gesehen. Da braucht es wirklich ganz besondere, um einen richtig zu flashen.

Panzer: Ich war im Sommer auf vielen Festivals, und da sind wir ja glücklicherweise auch mit Bands, die wir echt gut finden, von denen wir Platten zu Hause haben. Ein gutes Konzert anzuschauen gehört immer noch zu den allerbesten Sachen, die man machen kann. Nach wie vor. Nach fast 1000 selbstgespielten Konzerten und Bands, die wir gesehen haben, finde ich es Weltklasse, wenn man eine Band sieht und merkt, dass die Spaß haben, was ganz extrem wichtig ist, die geil spielen und es gut klingt.

KinKats: Von welchen Bands seid ihr Fans?

Panzer: Das letzte Konzert, das mich wirklich umgehauen hat, war Biffy Clyro, das war einfach fantastisch.

Sibbi: Meine beiden Lieblingskonzerte sind von einer amerikanischen Folk Band. Wer mich umgehauen hat im Sommer, mich richtig begeistert hat, waren tatsächlich Billy Talent. Die habe ich schon öfter gesehen, aber diesen Sommer haben wir zwei-, dreimal auf den gleichen Festivals gespielt, da habe ich mir wirklich das ganze Konzert angeschaut und dachte: Geil.

Panzer: Und Antiflag waren gut diesen Sommer, wir haben auch auf ein paar Festivals zusammen gespielt. Die geben immer noch Vollgas auf der Bühne, obwohl die bestimmt schon 100 000 Shows gespielt haben, und das finde ich einfach mega beeindruckend. Das sind auch total nette Typen.

Es folgt mein erstes Itchy-Konzert. Es ist warm und laut, die Fans grölen, Punkrock füllt den Raum. Viel, viel Spaß trifft auf noch mehr Emotion. Hier kann jeder mindestens den Refrain mitsingen, mich eingeschlossen. Ich frage mich, wo ich die letzten 15 Jahre war und bin umso glücklicher, weil ich weiß: DAS wird nicht mein letztes Konzert bleiben. Spätestens als Itchy die Bühne verlassen, um mitten in der Menge zu spielen, weiß jeder, Sibbi, Panzer und Max haben keine Berührungsängste und sind im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden geblieben.

„Dancing In The Sun“, mein alltime favourite, rundet den Abend ab. Der Regen ist vergessen, die Aufregung verflogen und eine neue Spotify Playlist geboren.

Hier könnt ihr „All We Know“ von Itchy bestellen.

Fotos: Ilkay Karakurt 

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