Sedlmeir1_by_Karin Poltoraczyk

Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“: Schreib mal einen Song übers Rumstehen

Eine Review von Frank Göbel.

One-Man-Band. Wenn ich mir diesen Begriff durch den Kopf gehen lasse, lande ich immer wieder bei der Vorstellung von Musikern, die, vollbepackt mit diversen Instrumenten, auf Jahrmärkten an der Losbude stehen. Seit einiger Zeit aber gibt es für mich eine neue Definition dieses Begriffs. 

Auch wenn er schon lange zum Geschäft gehört, so ist seine Musik doch erst vor kurzem bei mir angekommen: Der Berliner Künstler Sedlmeir.

Und was für eine coole Sau von One-Man-Band-Person haben wir hier bitte? Geiler Style, geile Gitarre, und wenn jetzt noch sein aktuelles Album „Fluchtpunkt Risiko“ nur halb so gut klingt wie der Typ aussieht, dann knallen hier die Korken.

Der selbsternannte Gründer des „Hardschlagers“ lässt es im ersten Track „Gut“ ruhig mit Synthesizer angehen. Thematisch geht es um eine rundum sorglose Beziehung. Alle haben sich lieb, und es „läuft wie geschmiert“, auch mit dem „Bier bis Vier“. Schon hier habe ich mein Herz an das Keyboard und diese stoische Stimme verloren.

In „Ewiger Diskoschuh“ darf dann endlich die Gitarre ran. Zungenküsse und eiskalte Mathematik stehen textlich Spalier für einen eingängigen Beat. Das Video sollte man sich nicht entgehen lassen: Würde Sedlmeir keine Musik machen, man könnte meinen, er sei in den 70ern als Pornoproduzent hängen geblieben. Seine Haare so schmierig, so schön seine Texte. Der Oberlippenstreifen passt perfekt zu Anzug und Mikrofon. Und die Körperhaltung – einfach genial.

Aber zurück zum Album.

„Der Mensch“ beginnt mit einem gesprochenen Text über die Ursuppe, deren Ursprung und weiteren Lebensweg. Im Song geht es um das, was „Der Mensch“ alles hinbekommen hat. „Kopfschmerzen mit Aspirin weggefegt“ zum Beispiel, eines der Urprobleme im Rock’n’Roll.

Sedlmeir versteht es brillant, mit wenig viel auszusagen. Schreib mal einen Song übers Rumstehen. Für diesen Künstler kein Problem („Ein guter Tag zum Rumstehen“).

Durch viele Songs schlängelt sich Sedlmeirs mitreißende Gitarren-Arbeit. Am besten hört man das meiner Meinung nach in „Downtown, Hauptstr. 1“. Fängt der Song noch mit elektronischem Gestampfe an, wird bei der Bridge sofort klar, dass hier Rock das Sagen hat. Der Refrain ist dann die Krönung des Songs.

Ohne ein bisschen Punker-Attitüde geht’s auch bei Sedlmeir nicht. „Kriminalität“ handelt davon, dass die Polizei immer zu spät kommt und dass Europas Gefängnisse überfüllt sind. 

Sedlmeir_Frontcover_CMYKDen Abschluss bildet „An einem Sonntag in Monte Carlo“. Ein Song über Drinks, Wetten und Vergebung. Maßgeschneidert für Sedlmeir.

Als die Plattennadel nach zwölf Songs wieder zurück schwenkt, freue ich mich. Der Rock’n’Roll lebt immer noch. Und Style hat er auch. „Fluchtpunkt Risiko“ ist ein Album, das man sich in einer biergetränkten Nacht als Soundtrack wünscht.

Wer Nachhilfe in Sachen Rock’n’Roll und Style braucht, darf sich Sedlmeir live nicht entgehen lassen. Klar, als One-Man-Band kommen Drums und Co. kommen als Sample aus der Box, aber die Gitarre ist echt. Echter Rock’n’Roll im Anzug und mit Schlips. Was will man mehr?

Alle Live-Termine von Sedlmeir findet ihr hier.

Großes Foto oben: Karin Poltoraczyk

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