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Ulrike Daume: Vom Sprayer Girl zur Hair Stylistin

Ein Interview von Laura van Tango.

In zahllosen Filmen meiner Kindheit und frühen Jugend gab es diese Szene: Ein Mensch betritt einen Friseursalon und ein fast schon schmerzhaft cooler und welterfahrener Stylist nimmt sich dieser Person voller Souveränität an, um einen Cut später ein absolutes Meisterwerk der friseur- und visagistentechnischen Handwerkskunst zu präsentieren. Und wie das so mit ungefiltertem Konsum ist: DAS WOLLTE ICH AUCH! All meine Provinzfrisör-Besuche endeten jedoch in Enttäuschung, waren sie doch durchweg von schüchternem Geschnippel und, im schlimmsten Fall, tätlichen Bi-color Angriffen gezeichnet, die dann im heimischen Bad mit ordentlich Drogeriefarbe ausgemerzt wurden. Bis mir eine Freundin die Leipziger Friseurin Ulrike Daume empfahl.

Schon als ich ihren Salon betrete, wird mir klar: Hier gibt’s keine Schablonenarbeit. Ein elfenhaftes Hipstermädchen erhebt sich mit seinem frisch geschärften, rehbraunen Pagenschnitt, und Ulrike sagt zu mir: „Machs dir bequem, ich bin gleich bei dir“. Der Laden ist puristisch, und weil Ulrike ihn mit ihrer Mama betreibt, kommt sofort ein leichtes Special-Treatment Feeling auf. Während ich noch über die Industrie-schicken UV-Wärmelampen staune, nähert sich die Meisterin mit Kennerblick und stellt fest: „Bei dir können wir ein bisschen ausflippen, lass mich mal machen“. ENDLICH.

Warum ich ihr sofort vertraute, warum sie wusste, dass meine Haare auch gut sechs Nuancen heller und ein gutes Stück kürzer werden können und wieso eine ordentliche Portion Sprayergirl in Ulrike steckt, lest ihr im Interview. 

KinKats: Vielleicht kannst du kurz erklären, wie du überhaupt zum Stylisten Job gekommen bist? 

Ulrike Daume: So ganz von vorne? (lacht) Also Haare geschnitten hab ich immer. Als Kind schon meinen Puppen. Aber das war nie mein Berufswunsch. Ich wollte eigentlich Kunst studieren oder Architektur. Oder Zahnärztin werden. In Chemnitz war ich dann das erste Mal bei einem Friseur im Hochpreissegment, eine absolute Neuheit damals. Dort ging es wirklich um Fashion, und Modemetropolen aus der ganzen Welt wurden mit einbezogen. Ich war als als Kundin da. Danach kam ich nach Hause und hab beschlossen: Das mach ich, da bewerb ich mich morgen! Dort habe ich dann auch meine Ausbildung gemacht. Das war sehr hart. Aber eben auch die Schule fürs Leben. Und für mich war klar, wenn Stylistin, dann nur so. Und durch meinen Freundeskreis, in dem Fotografen, angehende Architekten und Graffiti-Künstler waren, haben wir dann experimentelle Testshootings auf die Beine gestellt. Es gab eine große kreative Freiheit. 

k_UlrikeDaume1byOsakaKinKats: Und ich vermute, dieser Hintergrund beeinflusst auch den Stil deines heutigen Arbeitens? 

Ulrike Daume: Ja, besonders aber die Erfahrungen die ich während der Arbeit für Fashion Shows gesammelt hab. Die schiere Masse an Eindrücken und Einflüssen. Und man wird einfach stärker gefordert. 

KinKats: Was hast du denn im Bereich Fashion so gemacht? 

Ulrike Daume: Auf Fashion Shows habe ich meistens geschminkt oder die Farbkonzepte erarbeitet. Das hab ich auch in der Ausbildung gelernt. Im dritten Lehrjahr habe ich dann ausschließlich als Farbspezialistin gearbeitet und hatte einige eigene Kunden. Und dann bin ich nach Berlin gegangen. In Chemnitz war irgendwann die Decke der kreativen Entwicklung erreicht. Also wenn du mehr willst, musst du da einfach irgendwann raus. In Berlin hab ich ein Jahr lang gelebt und war bei drei ganz verschiedenen Friseuren. Zum einen Toni&Guy – da waren mir aber die Vorgaben einfach zu festgesetzt, deswegen bin ich dann zu einem Szenefriseur, wo man auch Dreads lernt und sowas. Und später nochmal bei einem Promi-Friseur auf der Friedrichstraße. Das war jetzt aber auch nicht unbedingt so mein Ding. 

KinKats: UHH! Wer war denn so die prominenteste Person auf deinem Stuhl? 

Ulrike Daume: Helmut Kohl. 

KinKats: NEIIN?! 

Ulrike Daume: (Kichert) Und Katarina Witt. Die waren auch echt entspannt. Katarina Witt war vielleicht ein bisschen unnahbar. Aber Berlin war nicht wirklich meine Stadt – und ich hatte Heimweh. Also bin ich zurück zu meiner Ausbildungsstätte, aber da war schnell wieder klar, dass ich nicht so vorwärts komme, wie ich das möchte. Also hab ich ein Jahr lang nur als Visagistin gearbeitet. Meine Fotografenfreunde von früher hatten sich inzwischen etabliert, also ging das gut. 

KinKats: Leipzig ist jetzt also sowas wie die goldene Mitte zwischen Chemnitz und Berlin? 

Ulrike Daume: Ja. Für mich war Leipzig auch schon immer da. 

k_UlrikeDaume4byOsakaKinKats: Hat sich denn für dich inzwischen so ein persönlicher Style rauskristallisiert oder gibt es sowas nicht? 

Ulrike Daume: Naja, was Schnitttechniken und Farben angeht, bin ich schon immer in Bewegung und probiere aus. Aber mir ist es wichtig, dass man alles ein bisschen zarter, ein bisschen weicher macht. Und, vor allem, typgerecht. Also wenn du jetzt zu mir kommen und sagen würdest: „So, ich will jetzt vorne Pink und unten Schwarz“ … da … mhh, nee. Mein Stil ist durch diese verschieden Arbeitsstellen entstanden. Jeder schneidet anders. Da gibt’s sowas wie „Pivot Point“ oder „Organic Haircutting“, andere haben französische Techniken. Und man übernimmt das, was man mag oder eben auch braucht, um bestimmte Vorstellungen typgerecht umzusetzen. Und so bildet sich ein Stil. 

KinKats: Wie gehst du denn mit Leuten um, die in den Laden kommen und keine klaren Vorstellungen haben, sondern sagen: „Mach mal!“? 

Ulrike Daume: Ich muss die Leute trotzdem irgendwie abholen. Also erstmal ein Gefühl für die Leute kriegen. Um das besser zu können, hab ich eine Zusatzausbildung gemacht. NLP, Neurolinguistisches Programmieren. Da lernt man viel Psychologie, viel Menschenwahrnehmung. Um beispielsweise eine Vertrauensbasis mit dem Kunden aufbauen zu können. Und dann im Gespräch und an Gewohnheiten der Person ablesen zu können, wie sie zu sich selbst steht und was zu ihr passen könnte. Dafür nehm ich mir auch Zeit. Man muss sich kennenlernen. Das geht hier nicht im Akkord. 

KinKats: Du hast mir erzählt, dass du dir mit diesem, deinem eigenen, Laden einen Traum erfüllt hast. Und ich finde, allein die Einrichtung reflektiert, dass deine Arbeitsweise alles andere als generisch ist. Hattest du das Konzept schon früh im Kopf? 

Ulrike Daume: Das hat sich irgendwie genauso gesammelt, durch all die verschiedenen Eindrücke in Geschäften, aber auch digitale Möglichkeiten. Das Innenraumkonzept ist in Kooperation mit der Leipzig School of Design entstanden. Aber ich hatte so konkrete Vorstellungen, dass deren Einfluss kein großer war. 

k_UlrikeDaume2byOsakaKinKats: Und was sind jetzt deine Pläne? Wieder mehr Fashion Shows? 

Ulrike Daume: Ja, das war in letzter Zeit sehr eingeschränkt. Ich war zwar Style Director im Artistic Team bei Toni&Guy, aber viel ging da nicht. Alles sehr eingeschränkt. Jetzt kann ich freier arbeiten und alte Kontakte aufleben lassen. Eine Fashion Show in Potsdam mit Leipzig TNZ Productions, der Olympiaball in der Red Bull Arena. Da mach ich den Veranstaltern, den Hostessen und der Orga die Haare. Ich habe zehn Minuten pro Person, und die Frisur muss so aussehen, als hätte ich eine Stunde gestanden. Also habe ich für alle Konzepte entwickelt. 

KinKats: Und welche Leidenschaften hast du abseits des Stylings? 

Ulrike Daume: Jetzt komm ich endlich wieder zum Malen. Große Acrylbilder. Meistens Gestalten oder Gesichter. Dafür hatte ich lange keine Zeit, nur meine Mutti hat zu Weihnachten eins gekriegt. Das ist dann meistens sehr expressionistisch. Früher hab ich auch bisschen gesprüht, das fließt da mit rein. 2008 hatte ich im Elipamanoke eine Ausstellung, damals war das noch ein Wächterhaus, Ecke Zschochersche und Industriestraße. Dann wollten Leute Bilder kaufen, das hatte ich vorher nicht bedacht und war dann so „Aber nein, das sind meine Bilder“ . Die enthalten ja auch Lebensabschnitte. Die kann ich nicht hergeben. 

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Fotos: Osaka

 
 
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