Devolution by LaraFanika_02

Devolution des Fortschritts – Eine Science Fiction Short Story

Eine Short Story von Daniel Schreiber.

Das soll also eine Erfahrung sein? Ich empfinde es mittlerweile eher als eine selbst auferlegte Prophezeiung. Trotz all dem war es ja eine gute Zeit, eine großartige Zeit. Die Partys, die Leute, die Stimmung, alles Erinnerungen, die ich nicht missen möchte, schon gar nicht jetzt und hier. Das Einzige, was nun noch zählt, ist der Fortschritt und dessen Besucher. Sie laufen vor meinem Käfig auf und ab, starren mich an oder machen seltsame Geräusche in der Hoffnung, dass ich sie verstehe, aber ich versteh euch auch so, ihr Trottel. Jedes Wort, das ihr redet, euer Kichern und eure großen Augen, doch was würde ich drum geben, wenn ihr MICH verstehen könntet, wenn ich euch einfach mitteilen könnte, was hier vor sich geht. Vergeblich, es klappt ja doch nicht und wenn ich es jemals schaffen sollte, dann bringen sie mich um.

„Sieh mal, Mami! Das sieht aber komisch aus“, ruft ein kleiner Junge und zeigt mit dem Finger auf mich. Seine Mutter streichelt ihm den Kopf. 

„Das ist ein Warzenschwein, Tommy. Hier steht, auf der Erde gab es in den Wäldern ganz viele von ihnen“, erklärt die Mutter ihrem Sohn, als sie die kleine Tafel neben meinem Käfig liest. Der Junge starrt mich an. Kannst du mich verstehen? Er lächelt. Mein Herz beginnt schneller zu pochen, wieder flammt in mir der Drang nach Mitteilung auf und entlädt sich in einem aufgeschreckten Grunzen. Das Lächeln des Jungen wird zu einem breiten, lauten Lachen. „Booaaa, hast du gehört?“, ruft er seiner Mutter zu. Sie lächelt ihn an und nickt, dann schlendern sie weiter. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es, aber meine hat anscheinend einen Herzschrittmacher. Ich muss mich endlich damit abfinden, was ich bin und was ich war. 

Es ist schon verrückt, dass wir soweit gekommen sind, mit diesen Mitteln die gegen jede Natur verstoßen. Alles endet, nur wir nicht. Wir ziehen weiter. Und damit der eine Teil bleiben kann wie er ist, muss der andere alle Leiden der Veränderung ertragen. Die Konsequenzen bleiben nur denen vorbehalten, die sie erleiden, für alle anderen sind sie das notwendige Übel. Die Genforschung war ein Spielplatz dieser Idiotie, mein Spielplatz. Dazu noch eine Portion Überbevölkerung auf der Erde und fertig. Ich bin die fleischgewordene Lösung aller Probleme, die die Menschheit sich selbst geschaffen hat. Was wäre ich für ein Schöpfer, wenn ich es nicht an mir selbst probiert hätte? Wer weiß, was noch alles passieren kann, denn in meiner Brust schlägt noch immer noch ein Menschenherz.

Fünf Jahre zuvor.

„Sieh mal Nanya, der ist doch perfekt“, sagte ich und zeigte auf einen Plastikkugelschreiber. Nanya sah mich mit einem zweifelnden Blick an, bei dem sie die linke Augenbraue hochzog und ihr Mund sich zu einer abfälligen Linie neigte. 

„Ich glaube nicht, dass du damit Eindruck schinden kannst. Hier, nimm den, der strahlt Erfolg aus“, antwortete sie und hielt mir einen fabrikneuen Handdrucker hin. 

„Nein, der gefällt mir nicht. Der schreit doch danach, dass ich gefallen möchte. Ich nehme den Kugelschreiber. Die gab es früher haufenweise. Leute verschenkten sie als Werbegeschenk, und irgendwo hatte man immer so einen rumliegen, obwohl man nicht mal wusste, woher. Sieh mal, die Hülle ist ganz aus Plastik, und trotzdem ist noch nichts abgebrochen. Die haben damals vieles aus Plastik gemacht“, erzählte ich, während ich den billig wirkenden Kuli in der Hand hielt. Nanya winkte nur ab. Ich war zufrieden mit meiner Entscheidung und ging zum Kassenautomat. Als ich den Stift zum Säubern in das Fach legte, leuchtete der Preis auf dem Display auf. 2000 Netbits.

„Du willst tatsächlich so viel für diesen Schrott ausgeben?“, hörte ich Nanyas aufgebrachte Stimme hinter mir. „Dann glaub aber mal nicht, das ich dir wieder was leihe, wenn du mal abschalten willst.“ 

„Keine Sorge, ich weiß, dass es viel ist, aber es ist auch eine Investition. Heute Abend beim Essen unterschreibe ich damit den Vertrag, dann werde ich zusätzlich zum Job noch die Sympathien des Direktors haben, von den Netbits ganz zu schweigen“, antwortete ich und bezahlte selbstsicher. Es war zwar ein Risiko, bei dem ich Gefahr lief, viel Zeit im wachen Zustand zu verbringen, aber ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Der Automat gab mir meinen Kugelschreiber, natürlich gereinigt und entgiftet, die Quittung und öffnete dann wieder die Tür. Wir verließen die Einkaufseinheit und traten auf den Wartesteg. Nanya redete noch weiter auf mich ein, während wir auf unsere Wohneinheit warteten. Doch das interessierte mich nicht, ich lächelte, nickte und ließ sie reden. Die endlos wirkenden Bahnen aus Stahl und Gummi drehten sich derweil um uns herum wie ein riesiger Kokon. Unsere Wohneinheit fuhr mit einem Zischen aus einer langen Reihe nach oben und öffnete automatisch die Tür. Selbst im Inneren hörte Nanya noch immer nicht auf, mir Vorwürfe zu machen. Erst als sie sich an den Stimulator anschloss, gab sie Ruhe. 

Für drei Stunden waren es 250 Netbits. Die momentan wertvollste Währung, die es gab, denn ausschließlich damit konnte der Stimulator betrieben werden. Man schloss sich an, und für den Zeitraum, für den man bezahlte, wurde das Gehirn gleichmäßig stimuliert. Leichte, elektrische Schübe ließen einen ohne den geringsten Aufwand entspannende Empfindungen verspüren, denn der eingebaute Scanner erkannte, wie das Gehirn stimuliert werden musste, um einen Zustand zu schaffen, in dem man völlig entspannte. Es wirkte wie ein perfekt abgestimmter Drogencocktail, nur ohne negative Nebenwirkungen.

Während Nanya vor sich hindämmerte, saß ich da und betrachtete meinen neuesten Erwerb. Ich wagte es sogar, ihn zu benutzen. Auf einem Fetzen Papier begann ich herum zu kritzeln. Erst waren es kleine Muster, dann verband ich sie zu größeren Gebilden. Ich vergaß die Zeit und dass ich in einem Stahlkasten ohne Fenster saß, aus dem ich ohne Grund nicht heraus kam. Obwohl manche Menschen in den sogenannten Wohneinheiten wahnsinnig wurden, war es immer noch besser, als in dem Dschungel draußen zu leben. Wir Menschen hatten uns so sehr von unserer Natur entfernt und sie so verändert, dass wir nun in diesem Kokon leben mussten, in der Hoffnung, eines Tages als etwas heraus zu schlüpfen, was wieder überlebensfähig sein würde. „Sag mal, bist du jetzt völlig bescheuert? Erst kaufst du diesen überteuerten Retro-Mist, und jetzt nutzt du ihn auch noch völlig sinnlos ab?“, hörte ich Nanyas aufgebrachte Stimme, während sie mit aufgerissenen Augen auf mich herabschaute.

„Es ist mein Stift, und ich darf damit tun und lassen, was ich will.“

„Manchmal frage ich mich echt, wie so ein Dummkopf wie du so lange überleben konnte“, nörgelte sie abfällig und ging ins Badezimmer. Ich wusste, dass sie es nicht so meinte, sie war eben vorsichtig. Ich hingegen risikofreudig. 

Als sie nach einer halben Stunde wieder rauskam, hatte sie ihr bestes Kleid angezogen, schwarz und rückenfrei. Ihre Haare hatte sie kunstvoll hochgesteckt und sich sogar etwas Make-Up gegönnt. Sie stand vor mir mit einem breiten Lächeln und drehte sich, um sich zu präsentieren.

„Du siehst umwerfend aus.“ 

„Danke! Was ist mit dir? Du hast ja noch nicht mal deine Sachen rausgelegt. Los, geh dich waschen, ich mach das für dich“, befahl sie, und ich gehorchte. Eine weitere Stunde später standen wir wieder am Wartesteg. Ich trug meinen besten Anzug. Den Stift hatte ich in der Innentasche meines Jackets verstaut, es sollte eine Überraschung werden. Als der Fahrstuhl zur oberen Etage kam, nahm Nanya meine Hand.

„Du schaffst das“, sagte sie leise.

„Ich weiß“, antwortete ich, und wir stiegen ein. Noch nie zuvor waren wir soweit nach oben gefahren. Mit dem Öffnen der Tür füllte sich der kleine Fahrstuhl mit warmem Licht. Kein Licht aus Neonröhren, sondern Kerzenlicht. Die wohlige Wärme zog uns geradezu aus dem engen, kleinen Raum, und als sich die Tür hinter uns schloss, standen wir in einem großen Saal. Hätten wir es nicht besser gewusst, hätten wir geglaubt, in einem echten Haus angekommen zu sein. Und obwohl jeder von uns den Drang verspürte, all das anzufassen, was uns an diesem Ort umgab, standen wir regungslos da, bis die Frau des Direktors auf uns zukam. 

„Herzlich willkommen! Fühlt euch wie Zuhause“, rief sie und kam mit ausgestreckten Armen auf uns zu. Bevor einer von uns etwas sagen konnte, hatte sie uns auch schon gepackt und umarmt. „Ich bin Gelanda, aber ihr könnt ruhig Gela sagen.“ 

„Sehr erfreut, Gela. Ich bin Richard Medo, und das ist meine Freundin Nanya Esu.“  

„Dann kommt mal rein, ihr zwei. Die anderen sind schon alle da“, sagte sie fast singend, während sie sich umdrehte und voran ging. Wir folgten ihr in ein noch größeres Zimmer. An einem langen Tisch saßen viele fein gekleidete Männer und Frauen und unterhielten sich. „Alle mal hergehört, Herr Dr. Medo und Frau Esu haben sich zu uns gesellt“, rief Gela laut. Die Blicke der Leute wandten sich gesammelt zu uns wie ein hungriger Schwarm. Ein Mann stand auf und trat vom Ende des Tisches auf uns zu. Ich erkannte ihn sofort, er war die oberste Instanz unserer Boje, dem Stahlkokon, in dem wir lebten. Er war der Direktor. 

Devolution by LaraFanika_01„Herzlich willkommen!“, sagte er, als er vor uns stand, und wir schüttelten uns die Hände. Für einen Bojenbewohner hatte er einen außerordentlich kräftigen Händedruck. „Nun, setzen Sie sich bitte. Das Essen wird bald serviert, mit vollem Bauch verhandelt es sich besser“, sagte er und lächelte. Wir lächelten höflich zurück und setzten uns. Ich bemerkte, wie die Blicke der anderen uns musterten, wie sie unser Verhalten auffassten und uns beurteilten. Glücklicherweise kam da das Essen, und die Aufmerksamkeit wechselte von uns zu den Tellern. Als es serviert wurde, zuckten Nanya und ich kurz zusammen. Echtes Gemüse und echtes Fleisch unter einer cremigen Soße. Es roch unglaublich gut, sah noch besser aus und war um Welten besser als der künstliche Nährstoffbrei, den man sonst überwiegend zu sich nahm. Ungeübt im Essen mit Besteck, aßen wir langsam. Jeder Bissen besser schmeckte als der davor. Nach dem Essen wurden E-Zigaretten und ein kleiner Schluck Likör aus Cocnac-Verschnitt gereicht, genießbarer Alkohol war höchst selten und teuer dazu. Der pure Luxus. Alle Gäste waren aufgestanden und hatten sich in kleine Grüppchen aufgeteilt, Nanya und ich bestaunten die plastischen Farben eines alten Ölgemäldes.

„Selten schön so etwas, nicht wahr?“, hörte ich die Stimme des Direktors neben mir.

„Ja. So etwas habe ich lange nicht mehr gesehen.“

„Es werden auch keine mehr gemalt, die Rohstoffe sind zu kostbar, als dass man sie für Kunst verschwenden könnte. Eine traurige Welt ist das geworden.“  

„Ihre erscheint mir nicht ganz so traurig“, erwiderte ich, ohne daran zu denken, wie undankbar meine Äußerung klingen konnte. Ich nahm sofort einen großen Schluck Cognac. 

„Kommen Sie mit, mein Freund. Ich will Ihnen was zeigen. Ihre hübsche Freundin wird uns bestimmt einen Moment entschuldigen“, sagte der Direktor, und ich folgte ihm in ein Nebenzimmer. Er betätigte einen Schalter, und kaltes Licht flutete den Raum. Ein typischer Bojenraum aus Stahl und Gummi. Allerdings war es kein Wohnraum, sondern ähnelte einem Labor. Der Direktor drückte ein paar Knöpfe, und aus dem Boden fuhren große Schränke. „Wissen Sie, was das Svalbard Global Seed Vault war?“

„Es war eine große Kammer bei Norwegen, in der alle Pflanzensamen gelagert waren, um die Arten zu bewahren.“

„Exakt, eine simple und deswegen geniale Idee. Nun, haben Sie eine Idee, was das hier ist?“, fragte der Direktor und deutete auf die Schränke. 

„Wenn Sie mich so fragen, würde ich sagen, eine Art Datenbank.“ 

„Sehr gut. Um es genauer zu sagen, lagern hier sämtliche DNA-Codes von Lebewesen, die es vor der Krise gab.“ 

„Etwa Tiere?“ 

„Vor allem Tiere. Was glauben sie, wo das Essen herkam, das Sie vorhin auf dem Teller hatten?“ 

„Das heißt, Sie können ganze Lebewesen reproduzieren?“

„Es hat nur einen Haken. Sie sind doch ein heller Kopf: Was braucht das Leben, um sich in der Natur durchzusetzen, um beständig zu bleiben?“

„Vielfalt“, antwortete ich, und während ich meine Antwort hörte, ahnte ich, was das Problem war. 

„Sehr gut. Denn Vielfalt sorgt dafür, dass Lebensformen resistent bleiben gegen den harten Test der Natur. Vielfalt sorgt für Entwicklung. Eigentlich testet das Leben bloß sich selbst, denn die Natur ist ja am Ende nichts anderes, aber wollen wir nicht ins Philosophische abdriften. Momentan können wir einzelne Tiere klonen, aber das war es dann auch. Selbst wenn wir zwei klonen und es uns gelingt, dass sie sich natürlich reproduzieren, sind die darauf folgenden Generationen nicht überlebensfähig. Was wir also brauchen, ist Vielfalt.“

Ich nahm den letzten Schluck von meinem Cognac, ließ ihn auf meiner Zunge verweilen, genoss den Geschmack und den Rausch, den er mir brachte. „Ist das ein Jobangebot?“, fragte ich dann trocken und blickte dem Direktor fordernd in die Augen. 

„Könnte man so sagen. Haben Sie Lust, mit uns aus Problemen Lösungen zu machen?“ 

„Schon. Wieso ich?“

„Wie ich schon sagte, Sie sind ein heller Kopf. Wenn wir überleben wollen, nein, wenn wir leben wollen wie einst, dann müssen wir uns weiter entwickeln. Wir brauchen Leute wie Sie! Leute, die bereit, sind Risiken einzugehen.“

Ich fühlte mich geschmeichelt und wähnte mich genau da, wo ich hin wollte. 

„Wo muss ich unterschreiben?“, fragte ich selbstsicher und überzeugt davon, den Coup meines Lebens gelandet zu haben. Der Direktor lächelte zufrieden, ging zu einem Schrank und holte einen alten Bogen Papier heraus. 

„Genau hier, und Sie sind dabei“, antwortete er und legte das Blatt auf einen Tisch. Auf dem Papier standen bereits viele Namen. Einige bekannt, andere nicht. Jetzt sollte mein Schlusseffekt folgen. Ich griff in die Innentasche meiner Jacke und zückte den Plastikkugelschreiber. „Ein Erbstück?“, fragte der Direktor beeindruckt. 

„Nein, ich habe ihn mir gekauft. Als ich ihn sah, gab er mir ein gutes Gefühl. Er erinnert mich an früher.“

„Das waren doch bestimmt 1000 Netbits.“

„2000.“ 

„Nicht schlecht, ich sehe, Sie haben noch eine intakte Wertvorstellung“, sagte er. Ich fühlte mich respektiert.

„Danke“, erwiderte ich, lächelte und unterschrieb den Vertrag. 

„Dann sind wir nun Partner. Lassen Sie uns darauf anstoßen.“ Er verstaute das Dokument wieder und kam mit einer Weinflasche zurück. Echter Wein und unverschnitten. Wir stießen an und genossen unseren jeweiligen Triumph.

Devolution by LaraFanika_04Die ersten Jahre danach vergingen wie im Flug. Wir forschten und erstellten neue Ideen. Nanya und ich führten ein gutes Leben in unserem neuen, elitären Kreis. Im dritten Jahr war es dann soweit. Ich hatte die Idee, die alles ändern sollte. So kam es, wie es nun ist, und ich verwandelte alle Probleme in Lösungen. Die Umsiedelung auf den Mars war das größte Problem. Die Atmosphäre musste angepasst werden, sogenannte Atmosphären-Traffos sorgten dafür. Es dauerte eine Weile, aber nach und nach konnte auf dem Mars ein lebensfreundliches Klima geschaffen werden. Die elitären Kreise brauchten sich natürlich keine Gedanken darum machen, wie sie zum Mars kamen, doch der Rest der Bevölkerung war ein Problem und somit Teil meiner Lösung. Ich schaffte es, ein Präparat zu entwickeln, das es ermöglichte, einen Organismus umzuformen. Jede einzelne Zelle wurde zu einer Art Stammzelle umgeformt, und bis auf das Gehirn zerfiel der gesamte Organismus in eine geleeartige Masse. Das Gehirn wurde entnommen und konserviert, der Rest in eine ausgewählte Form gegeben, zum Beispiel die eines Tieres, und mit einer DNA-Therapie bearbeitet. Von Primaten über Paarhufer, hin zu Säugetieren und Amphibien – alles, was wir in unserer Datenbank hatten, konnten wir so wiederbeleben. Wie Kinder, die mit Förmchen und Sand ihre Spielkameraden schufen, waren wir, nur, dass wir unseren Kreationen am Schluss Gehirne einsetzten. 

Damit es freundlicher klang, nannten wir das Ganze G-Entwicklung. Jetzt mussten sich die Menschen nur noch dafür hergeben, also ließen wir sie glauben, sie würden damit einen Dienst leisten. Ihnen wurde versprochen, sie könnten ein neues Leben bekommen – die Konsequenzen ließen wir im Kleingedruckten versickern. Als Tier konnten sie sich später nicht beschweren, und im weitesten Sinne war es ja auch ein neues Leben. Ich glaubte voll und ganz an meine Idee und hielt mich für eine Art Moses, der die Menschen ins gelobte Land führte. So brachte mich meine Hybris dazu, den Vorgang an mir selbst zu testen, um dann zurückgewandelt zu werden. Auf diese Weise sollten die letzten Zweifler und Ethik-Schwafler beruhigt werden. Ich bildete mir ein, die Natur, die Idiotie des Menschen, als auch all ihre herbeigeführten Katastrophen besiegt zu haben, und meine Reise zum Mars begann. Damit mein Gehirn fit blieb, wurde es an den Stimulator angeschlossen. Auf dem Mars angekommen, sollte mich mein Team wie abgemacht zurück wandeln, doch dies geschah nicht. Ich wurde betrogen. 

Wir wurden zusammengepfercht, getrieben und weggesperrt. Um der neuen Bevölkerung vom Mars zur Schau gestellt zu werden, und immer mehr kamen, Menschen wie Tiere. 

Heute.

So viele Augen glotzen mich an. Sie stehen vor meinem Käfig und haben nicht den Hauch einer Ahnung, welche Freakshow sie gerade betrachten. Immer deutlicher spüre ich, wie meine Wut mich anpeitscht, etwas zu tun. Ich denke noch wie ein Mensch, es ist das Letzte, was mir geblieben ist, aber es schwindet immer mehr. Mein Hirn passt sich an, und ich werde zum Tier. Irgendwann werde ich vergessen haben, wer ich bin, aber so kann ich es nicht enden lassen, ich muss hier raus! Je mehr sie starren und auf mich zeigen, desto unruhiger werde ich. Es fällt mir schwer, mich zu beherrschen. Ich muss mich bewegen, laufe umher und grunze, doch es führt dazu, dass immer mehr kommen und mich anglotzen. Sie lachen und feixen und denken, ich tue das für sie. Wieder und wieder zucken die Fluchtreflexe durch meinen Körper wie Stromschläge, aber ich komme hier einfach nicht raus. Hinter mir ein lautes, metallisches Klicken, eine Tür geht auf. Ein Wärter betritt meinen Käfig. Ich kann ihn riechen. Er bringt Futter und will nach mir sehen. Ich drehe mich um, und wir starren uns an. Er hat keine Ahnung, wer ich wirklich bin. Er sieht mir in die Augen, und ich spüre, wie ihn ein leichter Schauer von Angst überkommt. Jetzt oder nie! Ich lasse meine tierischen Instinkte gewähren und gebe mich dem Schub des Adrenalins hin, der mich nach vorn stößt. Er versucht zu fliehen, aber zu spät. Ich stoße ihn um und bin frei. Als die Menschen mich außerhalb meines Käfigs sehen, entsteht Panik. Sie schreien und laufen vor mir weg. Wahllos jage ich ihnen hinter her, doch ich muss mich beherrschen. Wenn ich mich verhalte wie ein Tier, dann fangen sie mich wie eins. Ein Wegweiser zeigt mir den Weg zu den Laboren. Allein der Gedanke ist absurd, aber ich muss es versuchen. Die Tür gleitet auf, und ich stehe im Labor. Eine bekannte Stimme dringt an mein Ohr. 

„Hallo, Richard. Du bist es doch oder? Natürlich bist Du es. Welches Tier sollte sonst diesen Weg wählen, man kommt ja immer gerne heim. Ich kann mir denken, dass du wütend bist, aber weißt du, wenn wir Rückwandlungen vornehmen, lösen wir kein Problem, sondern verlagern es nur“, erklärt mir der Direktor in einem väterlichen Ton die Situation. Wütend will ich ihn anschreien, doch mein Körper bringt nur Grunzen hervor. „Ich hab ich mir gedacht, dass du das sagst. Es tut mir leid für das Opfer, das du gebracht hast, aber du hast es für das Wohl der Menschheit getan. Ich werde auch dafür sorgen, dass dir eine bessere Behandlung zugute kommt“, erklärt er weiter und kniet sich zu mir herunter, als würde er zu einem Kind sprechen. „Ich habe auch was für dich. Es sollte eine Überraschung werden, aber wo du schon einmal hier bist …“ Er deutet mit seiner Hand auf eine Umwandlungskapsel hinter sich. Ich erkenne Nanya, die dort liegt und erstarre. „Ich mache auch ein Schwein aus ihr, dann könnt ihr wieder zusammen sein, ist das nicht toll?“, sagt er und erwartet allem Anschein nach, dass ich mich freue. Aus meiner Wut wird Zorn. Mit allem, was ich habe, ramme ich den Direktor. Benommen liegt er unter mir. Ich springe auf seinem Brustkorb auf und ab und lasse mich gehen in meiner Rage. Irgendwann hört er auf zu zucken. Mein Kopf brummt, es fällt mir immer schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen, doch wenn ich nicht auch sterben will, muss ich hier weg. Ich stelle mich auf meine Hinterläufe und betrachte Nanya. Sie wurde schon behandelt, der Vorgang läuft bereits. Ich kann nichts mehr für sie tun. Es tut mir Leid, Nanya. Das habe ich nicht gewollt. 

Devolution by LaraFanika_03Draußen auf dem Gang werden Schritte und Stimmen immer lauter. Ich gehe zur Tür herüber, gerade so eben schaffe ich es an den Knopf, der sie verriegelt, aber es ist aussichtslos. Ich bin nur ein Tier, und da draußen sind bewaffnete Wachen. „Aufmachen!“, brüllt jemand, und sie schlagen gegen die Tür. Wieder steigen Angst und Panik in mir auf, wieder sind es Fluchtreflexe wie Peitschenhiebe, die meine Gedanken durcheinander bringen. Ich gehe zur Leiche des Direktors hinüber und schnüffele ihn ab, in der Hoffnung, etwas Hilfreiches zu finden. Tatsächlich fällt ihm eine kleine Fernbedienung aus der Tasche. Ungeschickt und verzweifelt drücke ich mit meinem Huf darauf herum. Das Hämmern gegen die Tür wird lauter, gleich sind sie drin. Eine kurze Pause tritt ein und wird von hysterischen Schreien abgelöst. Ein Geruchswirrwarr aus Angst und Blut kriecht von außen zu mir in den Raum. Ich recke mich wieder zum Schalter und entriegele die Tür. Als sie aufgleitet, empfängt mich ein riesiges Chaos. Überall rennen Menschen und Tiere herum und fallen übereinander her. Schüsse fallen, Gliedmaße werden ausgerissen und Blut spritzt in alle Richtungen. Alle Tiere sind frei, anscheinend habe ich ihre Käfige geöffnet. Die Wachen feuern ohne Pause, aber es sind zu viele Tiere. Mit Prankenhieben und Bissen werden immer mehr Menschen niedergemetzelt. Gleichzeitig ist es aber auch meine Chance, raus zu kommen. 

Ich laufe durch den Wahnsinn auf der Suche nach einem Ausgang. Ich kann immer weniger einen klaren Gedanken fassen, mehr und mehr passt sich mein Gehirn meinem Körper an. Ein reißender Schmerz fährt mit scharfen Krallen durch meinen Rücken. Aufgeschreckt drehe ich mich um und blickte in das weit aufgerissene Maul eines wütenden Bären. Sein Brüllen wählt mich als seine nächste Beute. Wieder schießt Adrenalin durch meinen Körper und schaltet meine Gedanken nun völlig ab. Der Schmerz, den der Hieb verursacht hat, lässt mich handeln, ohne bewusst eine Entscheidung zu treffen. Meine Hinterläufe schleudern mich mit aller Kraft nach vorn und ich verpasse dem Bären einen heftigen Stoß in die Magengrube. Er machte einen kurzen Satz zurück, doch ist nicht weiter beeindruckt, er brüllt erneut auf und stürzt sich auf mich. Ich grunze verzweifelt, vor meinen Augen wird es dunkel. Ein lauter Knall mischt sich ein, und der Bär sackt leblos zusammen. Ich kann mich gerade noch davon stehlen, bevor er mich unter sich begräbt. Eine Wache hatte ihn sauber erlegt, kurz danach wird sie von drei Raubkatzen brutal zerfetzt. Ich besinne mich und stürze zur Tür. Sie gleitet auf, und ich renne in die Freiheit. Blutend schleppe ich mich zu einer Höhle in der Nähe. Aus der Ferne kann ich noch hören und sehen, wie das makabere Treiben weiter geht. Alles tötet und verschlingt sich gegenseitig. Erschöpft liege ich da. Meine Gedanken sind bei Nanya. Hoffentlich schafft sie es irgendwie, hoffentlich sehe ich sie noch einmal wieder. Vielleicht ist das hier ja der Anfang einer neuen Welt, und ich lege einen ihrer Grundsteine. Vielleicht hat die Erde ja einst auch so ihren Anfang genommen, aber welches Wesen möchte sich schon in einen Menschen verwandeln? Komisch, dieser Gedanke, und wahrscheinlich mein letzter. Langsam schlafe ich ein. Wenn ich aufwache, werde ich nicht mehr der selbe sein, denn mein Verstand ist jetzt schon nur noch eine vage Erinnerung.

Fotos: Lara Fanika

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