Foto von Judith Bluemcke

Vintagebursche: Niemals ohne Einstecktuch

Ein Interview von Artie Shaww.

Durch eine gemeinsame Bekannte wurde ich auf sein Instagram-Profil aufmerksam: Niklas aka Vintagebursche, ein junger Mann, der sich in der Herrenmode des vergangenen Jahrhunderts mehr als gut auskennt und diese mit Selbstbewusstsein und Stolz trägt. Seitdem ich ihn entdeckt habe, bete ich diesen Menschen ein klein wenig an. Ich bin fasziniert davon, wie er sich inszeniert, welche Liebe zum Detail er an den Tag legt und mit welcher Leidenschaft er seine Lebenseinstellung darstellt. Okay, wir alle inszenieren doch mehr oder weniger unser Leben auf Instagram und Facebook. Allerdings ziehen sich die wenigstens so verdammt gut an.

KinKats: Du lebst deinen Stil zu 100 Prozent. Oder ist das alles eine Inszenierung? 

Vintagebursche: Ich kann nicht bestreiten, einen gewissen Hang zur Selbstdarstellung zu haben und gerne in Rollen zu schlüpfen. Ich mache einfach, woran ich Spaß habe. Die Klamotten, die ich zeige, ziehe ich auch wirklich an. Im Büro lasse ich dann vielleicht die ganz abgefahrenen Stoffe und Accessoires weg. Einerseits, um mich ein wenig anzupassen – wobei ich mit meinen Outfits immer noch auffalle – andererseits, um mir ein gewisses Steigerungspotenzial für entsprechende Abendveranstaltungen zu lassen. Das heißt aber auch nicht, dass ich im Dreiteiler am Sonntagmorgen Brötchen holen gehe.

Foto von Ralf HÅls (Kamerakata)
Foto: Ralf Huels

KinKats: Gab es ein Ereignis, das dich zur Mode brachte? Denn ich erinnere mich an ein Bild von dir, das dich mit einem schlecht sitzenden Hugo-Boss-Anzug zeigt. Sprich: Gab es eine modische Offenbarung?

Vintagebursche: Beim Live-Rollenspiel habe ich mich früher bereits mit historischer Kleidung auseinandergesetzt und auch selbst welche genäht. Das führte mich irgendwann zu dem Punkt, an dem ich dachte: Wenn schon Anzug, dann richtig. Aus dieser Zeit stammt das peinliche Foto mit dem Hugo-Boss-Anzug. Ich hatte angefangen mir Gedanken zu machen, aber ich wusste es noch nicht besser. Der Weg bis zum heutigen Tag war ein langsamer, stetiger Prozess, der vermutlich niemals abgeschlossen sein wird. Je länger man sich mit der Materie beschäftigt, desto kleiner werden die Details, die einem auffallen. Mittlerweile würde ich zum Beispiel gerne einmal einem Maßschneider über die Schulter schauen und vielleicht sogar selbst Hand anlegen.

KinKats: An wem orientierst du dich, wer oder was inspiriert dich? 

Vintagebursche: Ich lasse mich vor allem durch Serien wie „Peaky Blinders“ und „Boardwalk Empire“ inspirieren. Instagram ist ebenso eine großartige Inspirationsquelle. Ein echtes Vorbild habe ich jedoch nicht. Ich bleibe gerne vielseitig und teste immer mal wieder etwas Neues aus. Einen Instagrammer möchte ich trotzdem hervorheben: Yoshio Suyama. Es ist mir immer wieder ein inneres Blumenpflücken, durch seine Fotos zu blättern.

Foto von Sarah Thelen (Lichtsammlerin)
Foto: Sarah Thelen Lichtsammlerin Fotografie Aachen

KinKats: Gibt es ein Kleidungsstück oder Accessoire, ohne das du niemals das Haus verlassen würdest?

Vintagebursche: Ein Einstecktuch muss immer sein! Ich kann mich an einen Arbeitstag mit Kundenbesuch in Salzburg erinnern. Ich hatte morgens in aller Eile das Einstecktuch vergessen. Das hat mir wirklich den Tag versaut.“

KinKats: Mir versaut es den Tag, wenn ich den nicht mit einem ordentlichen Kaffee starte … aber so ist jeder anders. Darum: Ist dein Auftreten eine Antwort auf den Verfall der Gesellschaft? Eine Art Sehnen nach der „guten, alten Zeit“, in der Wertarbeit tatsächlich noch einen Wert hatte und Nachhaltigkeit als Wort nicht existierte, weil alles wieder verwertet wurde? 

Vintagebursche: Ich bin einfach eitel. Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass ich gut angezogen bin. Zumal ein guter Anzug immer positiven Einfluss auf Haltung und Benehmen des Trägers hat. Ich sehne mich grundsätzlich nicht zurück. Ich begrüße die moderne Gesellschaft. Allerdings gibt es natürlich Entwicklungen, die ich nicht gutheiße. Es ergibt ja rein wirtschaftlich auch mehr Sinn, einen zeitlosen Stil zu pflegen, als jedem Trend hinterher zu laufen. Lieber einmal hochwertig einkaufen als fünfmal hippen Schrott. Das ist für mich echte Nachhaltigkeit. Davon will die moderne Modebranche aber sicher nichts hören, denn das würde mehrere Saisonkollektionen pro Jahr überflüssig machen, und das wäre schlecht fürs Geschäft.

Foto von Ralf HÅls (Kamerakata) 2
Foto: Ralf Huels

KinKats: Wie stehst du zu Menschen, die sich nicht so stil- und detailbewusst kleiden wie du? Also zum überwiegenden Teil der deutschen Bevölkerung, inklusive mir? Und: Wirkt deine Kleidung auf eben diese Menschen auch einschüchternd?

Vintagebursche: Ich glaube, dass sich gerade diejenigen, die nicht so viel Wert auf Kleidung legen, nicht von dem Outfit eines anderen hemmen lassen. Nur Freunde, die sich selbst auskennen oder Wert auf ihr Äußeres legen, fühlen sich in meiner Gegenwart manchmal underdressed. Nichtsdestotrotz versuche ich, diese Situation zu vermeiden. Wenn ich mich mit jemandem treffe, der in Jeans und T-Shirt kommt, dann lasse ich den Dreiteiler im Schrank. Ich halte das für ein Gebot der Höflichkeit. Gerade weil manche Menschen sich sonst unwohl fühlen. In Sachen Respekt vor anderen bin ich da ganz bei Voltaire. Der sagte seinerzeit schon: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen“. Dabei sehe ich auch Kleidung als Statement. Ein bisschen Frotzelei geht immer, aber ich möchte nicht auf jemanden herabschauen, nur weil er sich kleidet, wie ich mich niemals kleiden würde. Dieser Anspruch geht anderen, die sich für klassische Herrenmode begeistern, leider oft ab. Selbst wenn es nur um Detailfragen, wie zum Beispiel eine Brusttasche am Hemd, geht. Ich wünsche mir also, dass die Menschen wieder etwas netter miteinander umgehen. Das verbessert das Gesprächsklima ungemein. Ein paar Bier helfen übrigens auch.

KinKats: Gibt es dennoch ein Kleidungsstück, das tatsächlich am besten im Orkus verschwinden sollte?

Vintagebursche: Ugg Boots. Denen würde ich keine Träne nachweinen.

Foto von Moritz Jendral
Foto: Moritz Jendral

KinKats: Ich muss lachen, denn mir schießt folgende Frage durch den Kopf: Was ist das „Asigste“ in Richtung Kleidung, was du je getragen hast und für das du dich heute ein wenig schämst?

Vintagebursche: Als man mich noch äußerlich als Metalhörer erkennen konnte, habe ich mir phasenweise Bandshirts in XL gekauft. Dazu trug ich sehr weite Cargo- oder Tarnhosen und einen dezenten Kinnflaum, mehr konnte ich nicht züchten. Außerdem war ich als Jugendlicher noch etwas schlanker als ich es jetzt bin. Das sah aus wie eine riesige, ranzige Zeltplane auf einer einsamen, rostigen Zeltstange. Fotos von damals lassen mich immer noch erschaudern. Darüber hinaus gibt es immer noch Momente, in denen ich mich mit schwarzem Unterhemd und Shorts in einen Liegestuhl fläze oder am Kiosk Bier hole. Ich bin ja auch tätowiert und damit kriminell. Warum verstecken?

KinKats: Stichwort Shorts.Um jetzt doch mal Tacheles zu reden: wie sieht es des Nachts aus? Nachthemd, Bartbinde, Zipfelmütze? Oder Feinripp? Oder wie?

Vintagebursche: Ganz ehrlich? Nachts trage ich je nach Temperatur eine Pyjamahose und ein altes Metalshirt oder einfach nur ein schwarzes Unterhemd. Meine Unterbuxen sind übrigens auch alle schwarz oder dunkelblau.

Foto von Anja Lynen (Annie Blackwood)
Foto: Anja Lynen (Annie Blackwood)

KinKats: Aha. Metalhead. Wie passt denn das zum Outfit?

Vintagebursche: Lustigerweise bin ich nicht in allen Lebensbereich konsequent „Vintage“. Ich höre zum Beispiel sehr gerne Max Raabe oder einschlägige Electro-Swing-Interpreten, aber ich komme eigentlich aus der Metal-Szene. Vor zehn Jahren hatte ich noch schulterlange Haare und habe in einer Grindcore-Band gespielt. Meine Herz- und Nierenmusik wird wohl immer der extreme Metal bleiben. Außerdem bin ich ein Nerd. Ich habe Informatik studiert, arbeite in der IT und gehe als Ritter oder Wikinger auf Live Rollenspiele. Das gehört alles zu mir.

Anm. der Autorin: Was für eine spannende Persönlichkeit. Gerne möchte ich jetzt bitte meinen schwarzen Pagenkopf an die Tweed-Schulter lehnen und mich von diesem hübschen Mann durch das Berlin der 20er führen lassen. 

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Großes Foto oben: Judith Blümcke

Selbstportrait
Foto: Privat
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Artie Shaww zeichnete den Vintageburschen

 

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