The Prosecution4

The Prosecution – Punkband aus guten Verhältnissen

Ein Interview von Sinah Raglewski.

Ein später Herbstnachmittag in Berlin, ich bin zum Interview mit The Prosecution verabredet. Die Band baut gerade auf. Geplant-ungeplant verschieben wir das Interview auf nach der Show. The Prosecution kommen aus Bayern. Acht Jungs, die mehr als eine Band sind, die viel Geld für gute Zwecke eingespielt haben und nach Jahren noch immer gute Freunde sind. Spanky, Tini, Simon, Felix, Johannes, Kötti, Lookie und Mario sind nicht zum ersten Mal in Berlin, aber lassen sich trotzdem gerne von meiner Freundin Mellie und mir entführen, um die Hotspots der Hauptstadt zu erkunden. Wir finden in einem Fotoautomat einen geeigneten Ort, um uns aufzuwärmen. Ich bin geflasht von dem Selbstbewusstsein der Jungs aus Bayern. Nachdem wir am Boxhagener Platz mit lautem Techno verscheucht wurden, ist dieser Fotoautomat vielleicht die kleinste Bühne der Welt und gleichzeitig der beste Ort, um zu sehen, wie entspannt die Jungs sind. Vor dem „Haubentaucher“ an der Revaler Straße in Friedrichshain führen wir unsere Tour weiter, bis nach den letzten Vorbereitungen endlich das richtige Konzert ansteht. Eine kleine Bühne im Badehaus auf dem RAW-Gelände. Gerade groß genug, um genau das zu genießen: Ein kleine Punk-/Skacore-Show mit ganz viel Energie, starken Ansagen und treuen Fans. Nach der Show treffen wir uns zwecks Abendplanung für einen Talk zu sechst im Tourbus. Da es regnet, nehme ich meine Abendbegleitung, Mellie und Luise, mit zu Simon, Lookie und Tini in den Bus. Mehr ein Gespräch unter neuen Bekannten als ein Interview. Über Politik, Emotionen, Grenzen und das Verhältnis zu den Eltern. Wie der Tag mit The Prosecution ausging, steht in meinem Tagebuch. Das Interview könnt ihr hier lesen …

KinKats: The Prosecution unterstützen schon lange gemeinnützige Aktionen, zum Beispiel „Kein Bock auf Nazis“ und „Pro Asyl“. Gibt es eine Aktion, die euch besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Simon: Mir fällt das Pfingst Open Air ein, da haben wir gespielt, das ist schon über fünf Jahre her. Wir sind drei Tage vorher angereist und haben auf dem Campingplatz Pfandflaschen gesammelt. Dabei ist ein Betrag von 2000 Euro zusammen gekommen. Wir waren danach schon ziemlich im Sack.

KinKats: 2000 Euro allein vom Pfandsammeln?

Simon: Nur vom Pfandsammeln!

Lookie: Ich glaube, das waren 1900, wir haben dann auf 2000 aufgerundet. Das war für „Pro Asyl“. Da hatten wir einen Anhänger dabei und mussten den alle zwei Stunden wegfahren und den Pfand wegbringen, weil da so schnell viel zusammengekommen ist. Was auch cool war, auch auf dem Pfingst Open Air, wo wir einen Losbuden-Stand hatten.

Simon: Da war ich nicht dabei, da musste ich Facharbeit schreiben.

Lookie: Das war schon sehr cool.

Tini: Wir hatten sogar ein Mikrofon und haben gerufen: „Wollt Ihr Lose kaufen?“

Simon: Die Sachen, die da verlost wurden, kamen von ganz vielen Musikern und Sponsoren. Jennifer Rostock haben zum Beispiel eine Ukulele gespendet und unterschrieben. 

The Prosecution3KinKats: Wie kamt ihr dazu, wie auch aktuell, für „Pro Asyl“ Spenden zu sammeln?

Simon: Das war der größte gemeinsame Nenner.

Lookie: Wir wollten uns für etwas engagieren. Irgendwann merkt man als Band, dass man zu vielen Menschen sprechen kann, also eine Reichweite hat und das Gefühl, eine Verantwortung zu haben. Wir waren, was das angeht, schon immer aktiv. Wir haben zum Beispiel in unserer Heimatstadt ehrenamtlich im Jugendzentrum gearbeitet. Wir wollten als Band unbedingt was machen. Dann haben wir überlegt, welche Organisation spricht uns allen aus dem Herzen? Deshalb haben wir uns für „Pro Asyl“ entschieden, später dann auch für „Kein Bock auf Nazis“. Das sind eigentlich die zwei Organisationen, mit denen wir am meisten zu tun haben.

Simon: Das war der größte gemeinsame Nenner. Wir sind acht Leute, und wenn du da anfängst zu diskutieren, was wir jetzt machen können, wird‘s kompliziert, die politischen Ansichten gehen natürlich auch auseinander. Aber „Pro Asyl“ und Flüchtlingspolitik, das liegt uns schon am Herzen, seitdem es die Band gibt, und deshalb haben wir gedacht, wir arbeiten mit „Pro Asyl“ zusammen, um zu spenden. Das sind ganz coole Leute, wir sind mittlerweile auch gute Freunde. Mit den Leuten aus Frankfurt von „Pro Asyl“ haben wir auch privat Kontakt. Das ist ganz schön.

KinKats: The Prosecution, das sind acht Leute in einer Band. Ganz schöne viele. Acht Meinungen, acht Geschmäcker – wie schafft ihr es, alles unter einen Hut zu bekommen? Wie macht ihr das mit Proben oder Songs schreiben?

Lookie: WhatsApp Gruppen-Konversationen.

(Alle lachen)

Simon: … und Doodle Links.

Lookie: Die meiste organisatorische Arbeit in der Band ist tatsächlich, diese Termine zu finden. Die meisten von uns haben ihr Leben beruflich auf die Band abgestimmt. Arbeiten halbtags, also 20 Stunden die Woche oder sind selbständig, und nur deswegen funktioniert‘s. Wir haben aber auch in Regensburg ein Bandbüro, wo unser Proberaum ist. Das ist unsere organisatorische Zentrale, und da hocken wir mittlerweile jeden Tag beieinander, telefonieren rum und organisieren alles.

The Prosecution5KinKats: Ihr seid ja schon recht lange eine Band. Wie habt ihr euch da gefunden, und gab es schon ein paar Wechsel bei The Prosecution?

Simon: Nächstes Jahr werden es 16 Jahre, wir haben echt als Elf-, Zwölfjährige angefangen. Also wir sind jetzt nicht seit wir zwölf sind auf Tour. Wir waren in der Schule, unsere Eltern haben uns Instrumente in die Hand gedrückt, und wir haben uns dann hobbymäßig im Keller eingesperrt und mit der Band die Instrumente gelernt. Dann ist das gewachsen. Der größte Teil hat sich gewechselt mit der Zeit, aber wir kennen uns seit der Kindheit.

KinKats: Wer von euch ist denn von Anbeginn dabei?

Alle: Wir drei.

KinKats: Und da habt ihr euch noch lieb?

(alle lachen)

Lookie: Das ist einer der Vorteile an so einer großen Band wie The Prosecution: Es kommt ja auch mal vor, dass man gerade jemanden nicht leiden kann. Das ist eine Gruppendynamik wie in der Familie.

Simon: So viel Zeit mit der Band zu verbringen, in diesem Bus, auf der Autobahn und du hast keine Privatsphäre, da kommen natürlich Tage vor, an denen es Streitigkeiten gibt. Aber du kannst dich auch zurückziehen, wenn du keinen Bock auf irgendwen hast. Wie bei einer Family, wenn du dich mit einer Schwester oder dem Bruder streitest. Das kommt natürlich vor, aber das ist auch ganz normal, glaube ich.

2017-09-30 Berlin Badehaus Web 001Lookie: Das Gute an so einer großen Band ist, dann geht man sich halt für zwei bis drei Tage aus dem Weg und macht mit jemand anderem was.

Simon: Wenn man auf die Bühne geht, haut es einen Schalter um, da ist dann alles cool.

Tini: Es ist ja tatsächlich so, dass für uns die Freundschaft in der Band eine große Rolle spielt. Wenn mal ein Wechsel ansteht, trifft man sich mit den neuen Leuten, die dafür in Frage kommen, zum Saufen und weiß gar nicht, ob die musikalisch überhaupt was auf dem Kasten haben. Um zu schauen, ob man auf einer Wellenlänge ist. 

Simon: Was bei Spanky, unserem Bassisten, sehr lustig war: Der ist vorbei gekommen, und wir haben einfach nur getrunken und Spaß gehabt. Dann haben wir irgendwann, als wir schon etwas angetüdelt waren, gesagt: Okay, du bist dabei. Dann hatten wir eine Woche darauf Bandprobe, und er hat echt beschissen Bass gespielt.

(Alle lachen)

Lookie: Aber er hat jetzt geübt.

Simon: Ja, er hat sein Instrument gelernt.

KinKats: Bekommt ihr Bandprobe und Tour mit The Prosecution gut mit eurem Privatleben vereinbart?

Simon: Man kommt schon an seine Grenzen. Aber man kann es noch durchziehen. Ich bewundere unseren Bassisten, der arbeitet als einziger Vollzeit. Der pennt auf Tour fünf Stunden auf dem Boden im Bus, und da merkst du schon, dass es ihn schlaucht.

Lookie: Was ich im privaten Kontakt merke, ist, dass man, wenn man viel auf Tour ist, den Kontakt zu seiner Clique verliert. Es gibt ganz viele Familientreffen oder Geburtstage oder Hochzeiten, von denen man dann Fotos sieht und weiß, man war nicht dabei. Das sind Sachen, die muss man opfern, das ist schade. Dafür sind wir jetzt in Berlin und haben wieder neue Leute kennengelernt, das ist es meiner Meinung nach definitiv wert. Ich schaffe es Gott sei Dank dann unter der Woche, wenn wir nicht auf Tour sind, meine sozialen Kontakte zu pflegen.

Simon: Was einem Rückhalt gibt, sind Freunde und Family, die einen unterstützen. Das Schlimmste ist, wenn du nicht zu einer Hochzeit oder einem Geburtstag kannst, und die Leute dir böse sind. Das würde echt an den Nerven zerren. Aber wenn du einen stabilen Freundeskreis hast und eine Family, die dich unterstützt, dann ist es kein Stress. Du findest das natürlich schade, aber wenn du eine Gruppe hast, die hinter dir steht, dann ist es okay. Das ist, glaube ich, bei uns allen so.

The Prosecution 2Kinkats: Stichwort Family – gab es schon mal Konflikte, wo eure Eltern gesagt haben: „Jetzt macht doch mal was Vernünftiges?“

Lookie: Ich habe mein Studium geschmissen für die Band, da hat mein Dad mir den Geldhahn zugedreht. Aber meine Eltern fanden das immer cool, was ich mache, und Simons Eltern haben uns immer unterstützt.

Simon: Deine Eltern eigentlich auch.

Tini: Das wäre auch ohne unsere Eltern gar nicht möglich, die haben uns den Proberaum und die Instrumente finanziert. Wo hätten wir sonst mit elf oder zwölf das Geld her gehabt? Das war alles sauteuer und wäre für uns unerreichbar gewesen.

Simon: Die haben uns zu Anfangszeiten von The Prosecution auch zu Gigs gefahren.

Lookie: Wir hatten eigentlich nie große Konflikte, die wissen, dass wir uns durchbeißen. Ich glaube, es liegt niemand seinen Eltern auf der Tasche. Wir haben schon gute Eltern.

Tini: Eigentlich schon peinlich, so eine Punkband, die aus guten Verhältnissen kommt.

(Alle lachen)

The Prosecution6Kinkats: Gab es zum aktuellen Album „The Unfollow“ bestimmte Themen, die euch zu den Texten inspiriert haben?

Tini: Was für uns besonders wichtig war, gerade weil wir auch mit „Pro Asyl“ so eng zusammen arbeiten, waren die Ereignisse, die im Herbst 2015 stattgefunden haben. Da ist Jo, unser Drummer, mit Aktivisten an die serbokratische Grenzen gefahren und hat mit anderen Leuten zusammen eine Feldküche betrieben. Damit die Menschen, die da ankommen, überhaupt was zu futtern und zu trinken haben, weil die da zum Teil wie Scheiße behandelt worden sind. Die Geschichten, die er erzählt hat, waren richtig krass. Seitdem hat unser privates Engagement nochmal zugenommen. Lookie und ich arbeiten in Workshops mit Geflüchteten in Klassen zusammen, Simon arbeitet ganz eng mit einzelnen unbegleiteten Minderjährigen zusammen. Das war durchaus was, was uns privat beschäftigt hat. Was man in den Texten unserer Songs auf jeden Fall wieder findet. 

Simon: Das Leben bietet Inspiration genug, man muss da nicht viel überlegen, über was man schreibt, es passiert einfach genug Scheiße. Man verarbeitet auch viel damit, wenn man dann das erste Mal auf der Bühne steht und mit dem neuen Song alles, was einen gerade ankotzt, rausschreien und damit auch kritisieren und protestieren kann.

Tini: Das ist auch das erste Mal, das wir sehr viel Privates reingebracht haben, über Liebe, Freundschaft und das Älterwerden.

The Prosecution auf Facebook // Und bei Instagram

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *