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Lollapalooza 2017: Du bist ein Fighter

Eine Festival-Review von Artie Shaww.

Achtung. Dieser Bericht ist wahnsinnig subjektiv.

Du stehst da in der Abenddämmerung. Die untergehende Sonne färbt den Himmel und die wenigen Wolken feuerfarben. Tausend Menschen ziehen an dir vorbei, umfließen dich, während du da stehst, dich Klängen hingibst und die Freude, die dich umgibt, wahrnimmst und auch wieder abgibst.

Du schwebst auf einer Wolke Gras und hast das Bier in der Hand. Lachen und fröhliches Gekreisch dringt zu dir durch, du beobachtest, wie sich das Licht in den aufgehängten Deko-Flaschen bricht. Die Sonne verschwindet hinter dem Wäldchen, und das hell erleuchtete Riesenrad bietet einen schönen, funkelnden Kontrast zu der heraufziehenden Dunkelheit. Die Menschen um dich herum sind laut, eine vibrierende, summende Masse und dann – ein Riff, die Kickdrum, und du bist drin, der Beat umfängt dich, du bist stark, du bist schön, du bist ein Fighter.

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Foo-Fighter-Fangörl und das seit Ewigkeiten. Dave Grohl ist mein persönlicher feuchter Traum, seitdem ich ihn bei Nirvana am Schlagzeug sitzen sah. I prefer the drummer. Daher stand Anfang Februar auch sehr schnell fest, dass wir, meine Freundin und ich, auf das Lollapalooza-Festival am 9. und 10. September gehen würden.

Wir wurden nicht enttäuscht.

lollapalooza2Das Line-Up für beide Tage war recht abwechslungsreich, sodass für fast jeden Musikgeschmack etwas dabei war.

Das Lollapalooza in Berlin ist ein sehr junges Festival, das dementsprechend junges Publikum anzieht. Schöne, junge, glitzernde Menschen trotzten tanzend dem miesen Samstagswetter, hüpften rhythmisch zu Mike Perry in der Masse und verbreiteten gute Laune. Der Beat ging durch und durch, erfasste Arme und Beine, sodass man mit den Nächststehenden zusammen hüpfte, Konfetti-Kanonen abschoss und breit saumselig lächelte. Man tanzte sich warm und fühlte das Glück wie Brause in sich hochsteigen.

Ein kleiner Wermutstropfen meinerseits war der Moment, als ich die Beatsteaks sah. „Alt sind’se geworden“, dachte ich, um schmerzlich festzustellen, dass ich ja quasi derselbe Jahrgang bin. Aber se rockten die Bühne so hart, dass ich meinen Altersunmut schnell vergaß, um laut (und sehr falsch) mitzusingen.

Anschließend gab Marteria den Puppetmaster und ließ die Masse hüpfen, schwitzen, tanzen, um dann ein Bad in der Menge zu nehmen. Der Typ hat sich so feiern lassen, war so in seinem Element, dass ihm letztendlich der Saft abgedreht werden musste.

lollapalooza3Das große Highlight des Samstagabends bündelte dann auch Alt und Jung vor Stage one. Mumford And Sons zogen mit ihrer Musik alle in ihren Bann und spielten dann auch zwei Stunden durch. Ein schöner Abschluss, der manchem durch den Heimweg vergällt wurde. Es ist erstaunlich, dass keine Panik ausbrach, denn die Menschenmassen strömten nur so hin zur S-Bahn, deren Bahnsteig zeitweilig immer wieder wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Allerdings spricht diese Ruhe schon sehr für das Publikum. Sicherlich gab es Frust- und Wutgeschrei, aber insgesamt verhielten sich die Menschen besonnen (vielleicht waren sie auch einfach nur müde). Am nächsten Tag fuhren dann auch dementsprechend mehrere S-Bahnen außerplanmäßig, dennoch muss hier im nächsten Jahr dringend nachgelegt werden.

Am Sonntag war einfach mal alles perfekt: Kinder tobten über das Gelände, spielten sich im Kidspalooza müde, verliebte Pärchen lagen schmusend auf dem Boden, Gruppen von älteren Herrschaften zogen von Bierzelt zu Bierzelt, und die Sonne heizte noch einmal alles sommerlich auf. Die einzelnen Aeras des Lollapalooza Festivals waren gut besucht, müde Gruppen lümmelten sich malerisch auf Sitzsäcken, Seifenblasen trudelten sanft durch die Luft und gaben dem Moment eine lockere Leichtigkeit, die einen vergessen ließ, dass der Montag schon wartete. Ein wenig wurde diese Lockerheit durch notwendige Toilettengänge vermiest. Aber hey, es ist ein Festival… wann sind da Toilettensituationen super?

lollapalooza5Einen schönen Auftritt lieferten AnnenMayKantereit, hier sammelte sich ein großes Publikum, sang, tanzte mit in der Nachmittagssonne und ließ die Jungs hochleben, die sich noch einmal extra bedankten, weil die Band durch die Leute hier seit drei Jahren von ihrer Musik leben können. Das Licht wechselte von hell zu sanft, sodass alle Menschen in einen Goldton getaucht wurden, der sie aufstrahlen ließ. Überall lächelnde Gesichter, man blickte in große, erwartungsfrohe Augen und spürte die verheißungsvolle Stimmung, die den Foo Fightern voraus ging. Während die einen sich noch bei London Grammar den Klängen hingaben, sammelte sich der Großteil der Besucher vor Stage 1 und andere wiederum blieben entspannt bei den einzelnen Ruhe-Oasen liegen. So war für jeden ein Place to be vorhanden.

Ich stand abseits, etwas erhöht, konnte die Masse überblicken, sah Dave auf der Großleinwand. Und fühlte Glück. Lebensglück, denn das durchströmte jeden hier. Dieses Glück, diese Lebendigkeit, die nur Musik unter freiem Himmel, gepaart mit Wärme und Abendluft hervorrufen kann. Mit der Musik verknüpfte Erlebnisse zogen an meinem inneren Augen vorbei und ließen mich schreien: „Fuck. Es ist schön, hier zu sein. Verdammt, ich liebe es!“

Und dann… dann war es auch schon wieder zu Ende, das Lollpalooza. Ein leichtes, ein schönes Festival, dem die Chance gegeben werden sollte, sich zu etablieren. 

Fotos: Privat

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