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Rogers: Jung, brutal und gutaussehend

Ein Interview von Sinah Raglewski.

ROGERS – das sind Chri, Artur, Nico und Dom. Die Jungs aus Düsseldorf überzeugen mit ehrlichem, deutschen Punk-Rock und tiefsinnigen Texten, bei denen spätestens beim Refrain kein Mensch mehr still stehen kann. Ich treffe die vier Jungs  im Backstage des Dortmunder FZW. Ich gehen einen langen, verwinkelten Flur über Treppen am Catering vorbei, bis ich den Raum betrete, in dem das Interview stattfinden soll. Zunächst gefüllt mit rund zehn Menschen, bin ich froh, dass wir kurz vorm Interview dann doch nur zu sechst im Raum sind: Tour-Fotograf Arkadiusz Goniwiecha, die Band und ich. Bierflaschen, eine Couch und das durchdringende Summen der bereits spielenden Vorband füllen den Raum mit etwas Punkrock. 

KinKats: Eure neu erschienene Single „Einen Scheiß muss ich“ ist gesellschaftskritisch, gegen gesellschaftliche Regeln und Normen gerichtet. Wie habt ihr persönlich Erfahrungen damit gemacht, anzuecken?

Chri: Das fängt ja schon beim Job an, dass kein Arbeitgeber es gutheißt, dass du jedes Wochenende unterwegs bist und das mit der Musik durchziehen willst. Aber wir leben so lange schon am Rande der Gesellschaft, weil wir das schon so lange machen, dass wir das gar nicht mehr so mitbekommen oder spüren. Ich zumindest für meinen Teil.

Artur: Wobei, sagen wir mal so: Das ist für uns so normal, dass man jetzt gar nicht sagen kann, was das ist. 98 Prozent von dem, was bei uns abgeht, ist Anecken. Dadurch entstehen auch unsere Songs. Es ist gar nicht mehr so, dass wir das als Ausnahme wahrnehmen, wenn wir mal anecken. Im Endeffekt ist alles, was wir tun, etwas, von dem Leute denken: „Oh!“ Dementsprechend ist das Thema schon eher normal. Es ist schwer zu sagen, was das ist.

KinKats: Chri meinte Anecken im Bezug auf den Beruf – was macht ihr denn, wenn ihr nicht mit den Rogers unterwegs seid?

Artur: Alle unsere Projekte, Dom ist Schlagzeuger. (alle lachen)

Dom: Ja, ich mache echt nur Rogers und eine andere Band. Und das, was anfällt. Das ist quasi mein Hauptjob.

KinKats: Und was macht ihr alle so als „Hauptjobs“?

Chri: Ich gehe teilzeitmäßig ein bisschen Kellnern.

Nico: Ich arbeite im Musikbereich, fahre als Techniker mit anderen Leuten auf Tour, mache zwei bis drei kleine Studiojobs und fange jetzt auch immer mehr an, Musik zu schreiben – beruflich. Mal gucken, was daraus wird.

Artur: Ich habe ein Fitnessstudio, weil ich unfassbar gerne Sport mache. Es ist viel Leidenschaft in allem drin. Es ist ja auch noch Platz unter der Woche tatsächlich. Sonst würde man sich nur langweilen. So viele Songs kannst du gar nicht schreiben, mal blöd gesagt. So viele Alben kannst du gar nicht raus bringen. Wenn du jeden Tag Songs schreiben würdest, das wäre heavy.

Nico: Es ist schon so, dass die anderen Jobs um die Rogers herum gebogen werden.

KinKats: Also steht die Band ist an erster Stelle?

Nico: Ja, das definitiv.

Dom: Dadurch kommt es auch zu Situationen, wie Chri sie beschrieben hat: Dass ein Arbeitgeber das nicht so geil findet. 

Chri: Der 0815-Arbeitgeber.

Dom: … Der 0815-Arbeitgeber. Oder Vermieter …

Rogers_4KinKats: Vermieter?

Dom: Als ich eine Wohnung gesucht habe, lief das so ab:  „Ja, was machen Sie denn?“ „Ich bin Musiker, freiberuflicher.“ „Ciao.“

KinKats: Wie wichtig ist es euch, dass eure Familie hinter euch steht? Was eure Eltern davon halten?

Dom: Ich komme aus einer Musiker-Familie, da hat es nie eine andere Alternative gegeben. Meine Eltern würden eher sagen: „Was machst du da für eine Ausbildung, 9 to 5, hör auf damit.“ Hat mein Vater damals tatsächlich gesagt. Ich habe kurz BWL studiert, und da sagte er: „Junge, was machst du da? Mach Musik.“ Die stehen dahinter.

Artur: Ich bin damit groß geworden. Nicht, dass meine Eltern beide sonderlich musikalisch sind, glaube ich, auch wenn meine Mutter früher Saxophon gespielt hat. Aber es hat früh angefangen alles.

Nico: Bei mir auch. Meine Mutter hat früher Klavier gespielt, mich hat sie dann auch mit fünf in den Klavierunterricht geschickt. Wenn sie sich jetzt beschweren würde, hat sie Pech gehabt. Selbst verursacht, würde ich sagen.

Rogers_5KinKats: Habt ihr irgendwann mal an der Band gezweifelt?

Chri: Nö. Es musste noch keiner hungern oder auf der Straße schlafen. Das ist mein worst case, was passieren kann. Darüber ist alles gut. (alle lachen)

Nico: Und wenn, dann kannst du ja auch im Proberaum pennen.

KinKats: Wie sieht ein typischer Tourtag bei euch aus?

Chri: Meistens so: Aufstehen, frühstücken, Auto fahren.

Nico: 100 Jahre Auto fahren.

Artur: Ganz viel Auto fahren.

Chri: Je nachdem, wie lange man Auto gefahren ist, wird es auch schon mal stressig. Alles muss aufgebaut werden, und jeder guckt, dass er seinen Kram gebacken bekommt. Wenn mehr Zeit da ist, trinken wir auch gerne mal ein Bierchen. Aber tatsächlich sind wir mittlerweile sehr produktiv vor der Show. Es ist nicht mehr so, dass wir ankommen und erst mal einen Kasten Bier leeren.

Rogers_3KinKats: Wie fühlt ihr euch nach einer Tour oder einem Konzert, wenn ihr heim kommt und alles still ist? Oder kommt es gar nicht dazu?

Chri: Ich persönlich habe am nächsten Tag schon wieder so viel Action, dass ich im Moment gar nicht dazu komme, irgendwie zu reflektieren.

Artur: So richtig das erste Mal zu Hause ankommen meinst du? Nach der Tour zu Hause ankommen, ist für mich ein Mischgefühl. Auf der einen Seite freust du dich auf dein Bett, meistens bist du ja auch im Arsch. Auf der anderen Seite denkst du dir aber auch, dass irgendwas fehlt, wenn so viel Trubel war.

Nico: Irgendwas Geiles hat es immer, es ist aber auch irgendwie komisch.

Chri: Und es gibt kein Catering. 

Artur: … wenn man wieder selber kochen muss. 

Dom: Ich kann mich gar nicht mehr an das letzte Mal erinnern, als ich nach Hause gekommen bin und wusste, okay, nächste Woche geht es nicht weiter.

Chri: Ich weiß gar nicht, wann ich meinen Koffer zumletzten Mal irgendwie annähernd ausgepackt hätte. Mein Kulturbeutel ist immer das beste Zeichen.

Nico: Ja, der Der Kulturbeutel ist das beste Zeichen. Der bleibt einfach immer an der selben Stelle, der kommt gar nicht mehr in den Schrank. Früher hat man immer gesagt: Den hole ich beim nächsten Urlaub raus …

Kinkats: Ihr promoted „Sea Shepherd“, auf der Bühne tragt ihr „Sea Shepherd“-Shirts, draußen steht eine Tonne von „Viva Con Agua“. Wie setzt ihr euch im Alltag für Tierschutz und Umwelt ein?

Nico: Wir unterstützen die Organisationen ja nicht grundlos. Wir sind Leute, die sehr darauf achten, was wir – würde ich jetzt mal behaupten – kaufen oder generell konsumieren. 

Artur: Wir leben einfach bewusst.

Nico: Ja, wir leben bewusst, und da kam dann auch irgendwann der Anreiz, sich mit diesen Organisationen zusammen zu setzen und mit ihnen zusammen zu arbeiten, weil das für uns wichtig ist. Weil wir uns damit Identifizieren und das auch im Alltag leben.

Rogers_2KinKats: Wie würdet ihr euch in drei Worten beschreiben?

Nico: Jung, brutal und gutaussehend. (Band lacht, alle begeistert)

Nico: Ich habe gerade kurz nachgedacht, was wir nehmen sollen.

Chri: Das ist einfach aus der Pistole geschossen, das nehmen wir.

KinKats: Gut, dann schreibe ich das so rein.

Chri: Mach das, das ist mega.

Nico: Hoffentlich ärgert sich jemand und schreibt einen Scheiß Kommentar.

Dom: „Seid ihr gar nicht, richtiger Lauch, ey, ich hab den gesehen.“ (Alle lachen)

2017_rogers_dortmund27Kinkats: Was würdet ihr euren Fans gerne sagen?

Band (Einstimmig): Danke. Ja, danke.

Nico: Danke für alles, danke für die Unterstützung. Ohne die Leute, die das so abfeiern und unterstützen, könnten wir das alles gar nicht machen. Wenn keiner kommen würde, keiner eine CD kaufen würde, würde sich kein Mensch für uns interessieren. Dann könnten wir nirgendwo spielen, nirgendwo hinfahren, das wäre alles nicht möglich.

Band: Ja, danke.

Anm. d. Autorin: Ob ich mir die Show nach dem Interview noch anschaue? Ich versteh die Frage nicht. Keine halbe Stunde später werde ich auf Händen durch den Club getragen. Und habe wunderlicherweise keine blauen Flecken davon getragen, nachdem ich zahlreiche Fans über mir hochgehalten habe. Shows der Rogers sind irgendwas zwischen Punkrock-Club-Konzert, Wahnsinn und ganz viel Leidenschaft. Beider Seiten. Fans, die den Club mit Wunderkerzen füllen, unaufgefordert in die Knie gehen, weil hier fast jeder nach zahlreichen Konzerten weiß. welcher Song gleich an der Reihe ist. Um dann furchtlos wieder ineinander zu rennen, ohne sich weh zu tun. Keiner fällt hier, ohne wieder aufgehoben zu werden. Bei der „Einen Scheiß muss ich“-Tour 2018 bin ich auf jeden Fall wieder dabei. Wer’s verpasst, ist selbst schuld.

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Fotos: Arkadiusz Goniwiecha

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