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Nick Holmes von Paradise Lost: Alte Härte

Ein Interview von Rod Usher.

Mit „Medusa“ legen Paradise Lost ein Album vor, das wenige so erwartet hätten. Stilistisch zwischen „Gothic“ und „Shades Of God“ angehordnet, wagen die Mannen um Nick Holmes einen radikalen Schritt zurück in ihre Frühphase und setzen auf Härte statt Hooks. Wir sprachen mit dem Sänger und Mitbegründer des Gothic Metals über neue, alte Klänge und ein Leben, das so traurig gar nicht ist.

KinKats: Irgendwann im Leben tun Männer gerne noch einmal das, was sie als Teenager getan haben. Ihr seid musikalisch einen ähnlichen Schritt gegangen, wenn auch sehr professionell. Wie bewertest du diese Entwicklung?

Nick Holmes: Als Individuen fühlen wir uns einfach heute nicht wirklich anders als früher, ehrlich gesagt. So wie wir damals mit 18 waren, sind wir heute auch, denn das, was wir tun, hält uns im Herzen jung. Die Zeit zwischen früher und heute ist eh so schnell vergangen, dass es nicht so wirkt, als lägen so viele Jahre dazwischen. Und auch der Aufnahmeprozess des neuen Albums hat ein ähnliches Gefühl wie in unserer Anfangszeit hervorgerufen. Wir waren jedenfalls genauso aufgeregt wie die Kids, die wir damals gewesen sind.

KinKats: Man bemerkt wirklich einen gewissen Enthusiasmus, trotz der vorherrschenden Düsternis in den Songs …

Nick Holmes: Wir haben die Arbeit an „Medusa“ sehr genossen, weil es natürlich ein bisschen wie eine Rückkehr in die Vergangenheit war. Wir haben sogar ernsthaft darüber gesprochen, ob wir eine Art Midlife-Crisis haben. Aber im Endeffekt hat es sich angefühlt, als würde man eine Lieblingsjacke aus früheren Tagen wieder anziehen, und sie sitzt immer noch perfekt.

2_ParadiseLost2017nKinKats: Ist dein Gastspiel für Bloodbath – die Death Metal Band, in der du derzeit ebenfalls den Leadsänger gibst – mit ein Grund für die Rückkehr zum Old School Sound?

Nick Holmes: Bloodbath war in gewisser Weise schon dafür verantwortlich, dass „Beneath Broken Earth“, der als letztes geschriebene Songs des Vorgängeralbums, so klingt wie er klingt. Das Stück ist sehr kurzfristig und unkompliziert entstanden, und wir waren sofort Feuer und Flamme, was den Sound anging. Und genau das hatten wir im Kopf, als wir uns an „Medusa“ gemacht haben, „Beneath Broken Earth“ wurde somit unser Bezugspunkt.

KinKats: Musstest du das Growlen wieder lernen? 

Nick Holmes: Schon auf dem letzten Album hatten wir ja etwas mit Growling experimentiert, und just in diesem Moment kam auch das Angebot von Bloodbath, als Sänger dabei zu sein. Bloodbath hat mich wieder zum Extreme Metal geführt, aber am Anfang war es wirklich hart für meine Stimme und eine verrückte Zeit. Ich musste wirklich sehr viel üben und proben, so dass ich mich schon fragte, ob ich es hinbekommen würde. Aber es ging gut, und ich sehe es als das perfekte Training für meine Stimme.

KinKats: Das neue Album deiner Hauptband ist sehr hart und düster. Ist das möglicherweise der Zeit und den gesellschaftlichen und politischen Umständen um uns herum geschuldet?

Nick Holmes: Ich glaube, die Tatsache, dass terroristische Anschläge mittlerweile vor der Haustür stattfinden und damit greifbar und real werden, beeinflusst jeden bewusst oder unbewusst. Auch wenn die meisten Lyrics schon geschrieben waren, bevor die vermehrten Attacken in England stattfanden, kann man vielleicht eine gewisse apokalyptische Atmosphäre in die Texte hineinlesen. Wissentlich ist davon aber nichts ins Album eingeflossen.

ParadiseLost-Medusa_4000pxKinKats: Bei manchen Bands vermutet man, dass ihre Songs spontan entstehen, bei Paradise Lost scheint immer ein Konzept zugrunde zu liegen. Dieses Mal schient ihr euch in den Kopf gesetzt zu haben, ein Sludge/Doom-Album zu kreieren … 

Nick Holmes: In diesem Fall war es definitiv so. Wir hatten einen Sound im Kopf und verfolgten diesen Konsequent. Greg (Mackintosh, Gitarrist und Hauptsongwriter der Band – Anm. d. Verf.) erhält von mir immer verschiedene Vocalvarianten zu jedem Song, eine melodische, eine eher Gothic angehauchte oder growlende und eine, die dazwischen liegt. Er hat sich diesmal fast immer für die tiefe Variante entschieden, die nun mal heavier klingt.

KinKats: Ein totaler Kontrast zu der mittleren Phase eurer Karriere, mit „One Second“ und „Host“. Damals habt ihr viel Kritik auf Grund der poppigen beziehungsweise elektronischen Ausrichtung einstecken müssen. Wir habt ihr das seinerzeit empfunden?

Nick Holmes: Es war sicher eine Ecke einfacher, als es das heute wäre. Es gab kein Facebook oder ähnliches. Das Internet hätte wohl runtergefahren werden müssen, wenn es Social Media schon damals gegeben hätte, und jeder sich dazu hätte äußern können. Wir hätten wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch bekommen. Als ich bei Bloodbath einstieg, habe ich einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen, wie es ist, in der Online-Schusslinie zu sein. Als „One Second“ erschien, kamen wir um einen – na ja – „Shitstorm“ unserer Fans noch herum, da das Album zwar poppig, aber eben auch sehr gut war, „Host“ hat aber dann in der Tat einen Großteil der Fans entfremdet, auch wenn viele es gut fanden. Und all der Stress nur, weil Greg sich ein Keyboard gekauft hat…

KinKats: Oh Gott, was mag passieren, wenn er sich ein anderes, neues Spielzeug kauft?

Nick Holmes: Solange es keine Steel Drum ist… 

KinKats: Adrian Erlandsson – euer Drummer – hat kürzlich die Band verlassen. Eine weitere Veränderung.

Nick Holmes: Wir sind alle weiterhin Freunde, so dass immerhin in dieser Beziehung alles in Ordnung ist. Aber Adrian hatte einfach zu viele Bands und konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Er hat sich für At The Gates entschieden, die Truppe, die er als Teenager mitbegründet hat, und spielt auch weiterhin bei The Haunted. Wir wussten vorher, dass dieser Tag kommen könnte und sind natürlich traurig. Aber Situationen ändern sich eben. Auch mit unserem Original-Drummer Matt sind wir noch gut befreundet. Und bis auf den Drummerposten ist die Band noch in Originalbesetzung.

KinKats: Wie haben sich das Touren und die Livekonzerte für euch über die Jahre geändert?

Nick Holmes: Heutzutage spielen wir deutlich mehr Festivals. Die sprießen ja aus dem Boden wie Pilze. In den frühen 90ern gab es vielleicht zwei Festivals, Dynamo und Monsters of Rock, heute werden es jedes Jahr mehr und alle sind auch gut besucht. Das zeigt, dass Live-Musik noch angesagt ist, nur eben anders konsumiert wird. Heute veröffentlichst du ja auch ein Album, damit du live spielen kannst. Früher hast du live gespielt, um ein Album zu promoten. Was auch bedeutet: Du musst heute viel mehr „on the road“ sein. Wobei wir eigentlich deutlich mehr Zeit an Flughäfen verbringen als früher, gefühlt fliegen wir ständig durch die Gegend. Im Nightliner war es schon angenehmer, da kann man wenigstens ausschlafen. Jetzt muss man immer schon früh am Airport sein, selbst wenn du erst um 3 Uhr nachts ins Hotelbett kommst.

KinKats: Manche Musiker verlieren den Spaß an der Musik, wenn sie davon leben müssen. Gehst du privat noch auf Shows oder hörst viel Musik?

Nick Holmes: Ich gehe gerne auf Shows, speziell auch um meine Freunde zu sehen, die viel zu Gigs gehen. Ich will dann mit denen sprechen, während die das Konzert sehen wollen, daher sind sie manchmal nicht so begeistert, wenn ich mit auf Konzerte komme. Gerade war ich übrigens mit Freunden bei Iron Maiden. Ich selber sehe ja viele der Bands, die ich mag, auf den Festivals, auf denen wir auch spielen. 

1_ParadiseLost2017hKinKats: Paradise Lost ist ein zentraler Aspekt deines Lebens. Hast du manchmal das Gefühl, dass die Band dich auch um Erfahrungen beraubt hat, die andere Menschen in einem normalen Leben machen können?

Nick Holmes: Ich hatte das Glück, nicht ständig unterwegs zu sein, als meine Kids klein waren, da ich nicht so früh Vater wurde. Greg und Steve allerdings waren damals Anfang 20 und oft ziemlich angepisst, dass wir ständig auf Tour waren, als sie gerne ihre Kinder gesehen hätten. Ansonsten habe ich wirklich nicht viel im Leben vermisst, wir sind ja überall in der Welt unterwegs gewesen und erleben gerade eine zweite Hochphase. Wir machen weiter, geben unser Bestes und fühlen uns sehr glücklich, dass wir das noch tun können.

Paradise Lost: „Medusa“
Erscheint am 1. September
Nuclear Blast (Warner)

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