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Revolution der Seelen – eine Science Fiction Short Story

Eine Science Fiction Short Story von Daniel Schreiber.

Der oberste Richter Sut knallte seinen Hammer auf das Pult vor ihm, und der Saal schwieg. Elenora saß mit gesenktem Kopf im Zeugenstand und streichelte behutsam über ihren runden, dicken Bauch, als wäre er das Wertvollste, was es gibt – wohlwissend, dass alle anderen im Saal genau das Gegenteil empfanden.

„Wir führen heute, am 23. November 3074, die Verhandlung im Fall Elenora Chang weiter“, hallte die monotone Stimme von Richter Sut durch den Saal. „Ihr wird vorgeworfen, wissentlich eine Schwangerschaft hervorgerufen zu haben. Des weiteren leugnet Sie das Tehda-Protokoll und verweigert ärztliche Behandlung. Ich bitte nun den Staatsanwalt, das Verhör zu eröffnen.“ 

Der Staatsanwalt stand auf, knöpfte sein Sacko zu und färbte seine virtuelle Krawatte mit einem Knopfdruck blutrot. Mit festem Schritt und eindringlichem Blick ging er auf Elenora zu.

„Frau Chang, kennen Sie das Theda-Protokoll?“ 

„Ja.“

„Dann erklären Sie dem Gericht, was es besagt.“

„Es bestätigt wissenschaftlich die Existenz von Seelen und dass es nur eine begrenzte Zahl von ihnen gibt.“ 

„Exakt. Können Sie auch sagen, wer das Tehda-Protokoll verfasst hat?“

„Dr. Ernst Theda, ein hoch angesehener Wissenschaftler.“

„Ebenfalls richtig. Bitte erläutern Sie uns, in welchem Verhältnis Sie zu Dr. Theda standen.“

„In keinem direkten, da er ja schon seit längerem tot ist, allerdings habe ich dank eines Stipendiums seine Arbeit studieren dürfen.“ 

Der Staatsanwalt senkte seinen Kopf und begann, langsam hin und her zu laufen. Seine Faust ballte sich fast unmerklich, als würde er heimlich jubeln. 

„Können Sie uns auch bitte, mit einfachen Worten, erklären, was so überaus bedeutend an seiner Arbeit war?“ 

Elenora beobachtete den Staatsanwalt, wie er vor ihr herum schlich wie eine hungrige Raubkatze. 

„Nun ja, die Existenz von Seelen wurde durch Dr. Theda bewiesen und, wie schon erwähnt, hat er ebenso heraus gefunden, dass es nur eine begrenzte Zahl von ihnen gibt. Das bedeutet wiederum, dass wir alle in einem bestimmten Zyklus wiedergeboren werden. Dr. Theda hat durch seine Forschung ebenfalls bewiesen, dass die Charaktaristika der Menschen also nicht durch die Gesellschaft, Umwelt oder Erziehung geformt werden, sondern dass sie der Seele inne liegen.“

„Das bedeutet also im Umkehrschluss, es gibt gute und schlechte Menschen?“

„Ja… das kann man so sehen.“ Der Staatsanwalt grinste sie verkniffen an. 

„Gut“, sagte er. „Wie Sie selbst wissen, sehen wir das genau so seit 200 Jahren und haben unsere Gesellschaft danach ausgerichtet. Wir kontrollieren, welche Menschen wann und wo geboren werden. Es gibt keine Kriege mehr und keine Not in jedweder Form. Wir haben eine perfekte Stasis innerhalb eines perfekten Systems. Wenn man stirbt, hat man die Gewissheit, dass wir jedem irgendwann wieder das Leben zuspielen – so lange man sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Wieso also gefährden Sie, eine Studentin von Dr. Theda selbst, die Stasis mit einer unkontrollierten Schwangerschaft?“, beendete der Staatsanwalt seinen Monolog und starrte Elenora mit großen Augen an. Kurz bevor sie antworten wollte, spürte sie einen leichten Tritt aus ihrem Bauch und musste unwillkürlich lächeln.

„Weil ich denke, dass Sie mit dem Theda-Protokoll die Errungenschaften von Dr. Theda in einen für Sie passenden Rahmen gezwängt haben. Er war Wissenschaftler, genau wie ich, aber innerhalb einer Stasis lässt sich nichts erforschen. Dr. Theda wollte mit seiner Entdeckung Möglichkeiten schaffen und keine Sackgasse bilden. Es war sein Anliegen, dass die Menschheit sich weiter entwickelt, nicht, dass sie stehen bleibt.“

„Schön und gut. Der Wunsch der Menschheit ist aber Frieden, und dieser wird nun, wie gesagt, seit 200 Jahren genau dadurch bewahrt. Ende der Befragung.“ Er machte eine Pause. „Die Staatsanwaltschaft fordert dieTötung des Ungeborenen und eine lebenslängliche Haftstrafe für Dr. Elenora Chang. Sie hat wissentlich gegen eines der obersten Gesetze verstoßen.“ Der Staatsanwalt drehte sich um und ging wieder zu seinem Platz. Als er sich setzte, war seine virtuelle Krawatte himmelblau gefärbt.   

„Dann nun bitte die Verteidigung“, rief Richter Sut. Elenoras Anwalt stand auf und ging zu ihr herüber. 

„Frau Chang, bitte erzählen Sie uns, wie es zu Ihrer Schwangerschaft gekommen ist.“

„Da die Regulierung der Stasis es verlangt, alle Männer ab ihrer Geburt unfruchtbar zu machen, definitiv nicht auf einem natürlichen Weg, und mit dem Schwarzmarkt wollte ich mich nicht einlassen. Durch meine Arbeit in den Laboren hatte ich Zugang zu einer Samenbank und habe mir von da aus… naja, selbst geholfen.“

„Was war ihre Motivation?“

„Ich habe die Arbeit von Dr. Theda sehr geschätzt und habe offensichtlich ein anderes Verständnis für dessen Intention. Insofern halte ich es nicht für eine Straftat, sondern eher für eine Aufgabe, auf der Grundlage seiner Errungenschaft weiter Forschung über Seelen zu betreiben. Die Stasis tut zum Beispiel die DNA-Forschung als mittelalterliche Hexerei ab, damit sie ihre Ideologie als ultimative Wahrheit anpreisen kann. Ich denke, das ist eine fatale Fehleinschätzung, denn gerade in der Kombination dieser beiden Forschungen liegt der Schlüssel zum Fortschritt. Das ist meine Motivation. Des Weiteren bin ich eine Frau und habe Bedürfnisse, und dazu gehört nun mal auch der Wunsch, schwanger zu werden. Wohlgemerkt, wie bei unzähligen anderen Frauen auch, denen es aber schlicht verweigert wird.“

„Im wievielten Monat sind Sie jetzt?“

„Ich bin bereits im neunten. Lange kann es nicht mehr dauern.“

„Wie haben Sie es geschafft, so lange unendeckt zu bleiben, und hatten Sie vor, ganz allein zu entbinden?“ 

Elenora wollte gerade zur Antwort ansetzen, als ihr Unterleib heftig verkrampfte. Sie kniff die Augen zusammen und biss auf die Zähne. Sie spürte, wie der ganze Saal sie anstarrte mit einer Mischung aus Angst und Schrecken. Als sie wieder durchatmen konnte, strich sie erneut behutsam über ihren Bauch und fasste sich wieder. 

„Ich habe meine Arbeit von zu Hause aus erledigt, und sowie ich auch schon die gesamte Schwangerschaft ohne Hilfe durchgestanden habe, hatte ich auch geplant, die Entbindung allein vorzunehmen. Es war mir ja bewusst, dass ich angeklagt werden würde, wenn man mich erwischt. Ein unüberlegter Schritt nach draußen hat dann leider dazu geführt.“ 

Ihr Anwalt nickte und strich sich über das Kinn. „Und was hatten Sie danach geplant? Ich meine, nach der Geburt. Das Kind hätte natürlich kein normales Leben führen können, da es nicht registriert wäre.“

„Einspruch!“, rief der Staatsanwalt dazwischen und stand auf. „Diese Eventualitäten haben doch keine Relevanz! Hier geht es ausschließlich um die bewusst begangene Straftat der Angeklagten.“

IkaFan_Seele2„Das mag sein“, erwiderte Elenoras Anwalt. „Dennoch handelt es sich hier nicht um irgendwen. Die Angeklagte ist eine angesehene Doktorantin. Ihre Handlungen gehören zum Teil zu ihrer Forschung und ihre Forschungen über Seelen wiederum der Stasis. Von daher kann es durchaus sein, dass die Ergebnisse von Nutzen sind. Somit wäre eine mildere Strafe als die von ihnen vorgeschlagene durchaus angebracht.” 

Der Richter zögerte und blickte zwischen den beiden Anwälten hin und her. „Einspruch abgelehnt, aber bleiben Sie beim Thema, Herr Anwalt“, ermahnte der Richter. Der Staatsanwalt seufzte genervt und setzte sich wieder. Elenoras Anwalt atmete kurz durch, dann setzte er wieder an. 

„Frau Chang, sagen Sie dem Gericht bitte…“, begann er gerade seinen Satz, als Elenora sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorne beugte und stöhnte. Ein Raunen ging durch den Saal. Einige Zuschauer standen auf wie aufgescheucht. „Passiert es jetzt? Tu doch jemand was“, hörte man es durch den Gerichtsaal murmeln. Richter Sut schlug mit seinem Hammer auf das Pult und forderte Ruhe. Der Staatsanwalt stand auf und begann zu brüllen. 

„Stoppen Sie diese Frau! Dieses Kind darf nicht geboren werden! Wir können nicht wissen, wer es ist, das ist eine Katastrophe für unser System! Ehrenwerter Richter Sut, ich beantrage, diese Frau jetzt und hier zu exekutieren“, machte er seinen Standpunkt deutlich und schlug mit der Faust auf den Tisch. 

„Ja… Genau… Er hat Recht“, kam es ängstlich von den Zuschauerplätzen herüber geraunt.

„Warten Sie, helfen Sie ihr! Das lässt sich auch anders regeln, niemand muss getötet werden“, rief der Anwalt von Elenora dazwischen. Elenora hielt ihre Hände schützend um ihren Bauch und schnappte nach Luft. Etwas Feuchtes breitete sich unter ihr, unkontrolliert aus ihrem Unterleib aus. Sie war erstaunt, ängstlich und glücklich zugleich, als sie erkannte, dass ihre Fruchtblase geplatzt war. Sie kannte es nur aus Videos und anderen Aufzeichnungen, denn niemand hatte sie darauf vorbereitet. Während diese neue Erfahrung sie völlig vereinnahmte, bekam sie nicht mehr ganz mit, was um sie herum geschah. Sie hörte das Geschrei nur noch dumpf. Als sie ihren Kopf wieder hob, sah sie einen fremden Mann, einen Sanitäter. Er drückte ihr eine Spritze in den Hals, und etwas Brennndes breitete sich von ihrer Kehle her in ihr aus. Sie wurde schwächer als sie es eh schon war und ihre Sicht schlingerte. Sie konnte gerade noch ihren Anwalt erkennen, der sie hielt und versuchte, sie kaum hörbar zu beruhigen, dann verschwand sie in dem tiefen Schwarz, das sich vor ihren Augen ausbreitete. 

Als sie wieder aufwachte, steckte ihr Körper in einer riesigen Maschine und nur ihr Kopf schaute heraus. Sie war dort drinnen fest geschnallt. Hilflos sah sie sich um. 

„Sie haben dich betäubt, das Baby entbunden und mitgenommen“, hörte sie die Stimme ihres Anwalts. Er trat neben sie, so dass sie ihn sehen konnte. 

„Geht es ihm denn gut?“

„Woher weißt du, dass es ein Junge ist?“

„Eine Mutter weiß so etwas einfach.“

„Verstehe. Naja, selbst, wenn du geraten hättest, wäre es fifty-fifty gewesen.“

„Ich hab aber nicht geraten. Weißt du, ob es ihm gut ging? Testen sie ihn, wer er ist und das alles oder haben sie ihn wirklich sofort getötet?“

„Sie testen ihn, aber er wird kein schönes Leben haben. Sie werden ihn wegsperren und von Grund auf verurteilen.“

„Vielleicht hast du recht, aber wenn er es bis zu den Tests geschafft hat, wird es für weitaus größere Probleme sorgen, als sie bisher dachten.“ Ihr Anwalt sah sie fragend an. 

„Kannst du dich noch daran erinnern, wie die Menschen damals an Götter glaubten?“

„Ja. Jedenfalls an das, aus dem Geschichtsunterricht.“ 

„Dann weißt du ja auch noch, wie sie reagierten, als ihre vermeintlichen Götter zurück kehrten und ihnen die Wahrheit erzählten.“

„Ja. Zwar ebenfalls nur aus den Geschichtsbüchern, aber ich weiß, was du meinst.“

„Es gibt also zwei Möglichkeiten, damit Menschen sich für Veränderung öffnen. Der eine ist die Bildung darüber, dass Veränderung mehr nutzen bringen kann als sie schadet. Der andere ist eine grundsätzliche Erschütterung dessen, was sie für die ultimative Wahrheit halten.“ Elenoras Anwalt schnaufte ein Lachen durch die Nase und rieb sich die Stirn. „Ich halte dich für brilliant, Elenora, und unterstütze dich aus Überzeugung. Aber die lassen dich niemanden mehr in irgendwas bilden, und damit du etwas erschüttern könntest, außer ihren Alltag, müsstest du für weniger verrückt oder terroristisch gehalten werden.“ Er ließ resignierend den Kopf hängen. 

„Ich habe nie behauptet, dass ich das tun werde, aber mein kleiner Ernie wird es.“ 

Der Anwalt lächelte mit einer Mischung aus Mitleid und Anerkennung, dann begann er langsam zu verstehen und starrte Elenora erstaunt an.

„Du meinst…?“

„Ja, genau das“, antwortete sie und lächelte zufrieden. 

Illustrationen: Lara Fanika

3 Responses
  1. Ist die Geschichte von Daniel Schreiber oder Mimi Erhardt?

    1. Steht drüber: „Eine Science Fiction Short Story von Daniel Schreiber“ 🙂

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