Ironheartx 2

ironheartx: You are enough

Ein Interview von Mimi Erhardt.

Jessica aka ironheartx wurde mir vor einiger Zeit von Instagram als neuer Lieblings-Feed vorgeschlagen. Keine zwei Minuten später war ich verknallt. Allerdings waren es nicht nur die zum Teil sehr heißen Selfies der 22-Jährigen, die mich fangirlen ließen. Besonders ihre Captions fielen mir auf – ungewohnt edgy, nachdenklich und oft fast schon bissig zeigt sich ironheartX in ihrem Feed. Grund genug, uns die Frau für ein Interview zu schnappen.

KinKats: Hey Jessica. In deiner Insta Bio steht: „22 & still Emo.“ Was macht dich zum Emo Kid? 🙂

ironheartx: Ich liebe es alleine zu sein und im Selbstmitleid zu versinken weil diese Welt so ultra dramatisch ist, ob mich das zum Emo Kid macht, weiß ich nicht ansonsten können wir das auch auf die Lyrics von Jacob Bannon schieben

KinKats: Ein weiterer Satz aus deiner Bio, der mir aufgefallen ist, lautet: „You are enough“. Hattest du je das Gefühl, NICHT genug zu sein?

ironheartx: Auf alle Fälle, das hat auch recht früh angefangen. Ich war nie wirklich selbstbewusst und war irgendwie auch noch gar nicht so weit wie die Mädels in meiner Nachbarschaft. Unsere Eltern waren befreundet, und dann kam immer so ein nettes „Jessica, jetzt geh doch mal mit denen raus, du brauchst Freunde.“ Eigentlich wollte ich alleine mit meinem BMX rumfahren und anschließend den halben Abend Sims spielen. Dieses ganze Freunde-finden-Ding war eh ein ziemlich heikles Thema. Ich war auf einer Montessori Schule in der nächsten Stadt, während die ganzen anderen Kids auf der staatlichen bei uns um die Ecke waren. Mein komplettes Umfeld war dort total geschützt, und jeder konnte sich tatsächlich in seinem eigenen Tempo entwickeln, was ich mit 22 Jahren auch echt gut finde. Aber mit 13 oder 14 Jahren war mir das total peinlich, weil sich dieses Vorurteil der „Schule für Behinderte“ echt hartnäckig hält und Kinder einfach furchtbar grausam zueinander sind. Man hat ziemlich gemerkt, dass die anderen immer schon ein Stück jugendlicher waren als ich und sich viel früher für Jungs, Partys und unangebrachten Wortschatz interessierten, während ich absolut keinen Plan hatte, warum es provozierend ist, jemanden als „Schlampe“ zu bezeichnen. Weil – das ist doch jemand, der unordentlich ist, oder nicht? Ich hab es dann auch bis ich ungefähr 18 war, tatsächlich konsequent geleugnet, auf dieser Schule gewesen zu sein.

Ironheartx 12KinKats: Hatte diese Zeit weitere Auswirkungen auf dich?

ironheartx: Durch meine Schulzeit hab ich zum ersten Mal wirklich angefangen, mich nicht gut genug zu fühlen, nicht gut genug für eine „normale“ Schule. Dann kamen auch irgendwann diese „ganz normalen“ Anforderungen unserer Gesellschaft dazu: Ich wollte nicht dieses ein bisschen zerzauste, Eishockey spielende, introvertierte Mädchen sein, das auf eine Behinderten-Schule geht – auch wenn ich genau das war (bis auf die Schule). Wenn ich das bleibe, dachte ich, werde ich nämlich nie zu den coolen Kids gehören. Ich hab wahrscheinlich – im Gegensatz zu den anderen – viel zu früh damit angefangen, irrelevante Dinge zu über-überdenken und viel zu viel Wert darauf gelegt, was andere von mir denken und erwarten. Wenn wir nämlich danach gehen würden, kann wahrscheinlich niemand jemals genug sein. Dazu kam, dass sich zum ersten Mal mit etwa 15 meine Borderline-Störung und Magersucht zu Wort gemeldet haben, die diese ganze eh schon „normal emotional gestörte“ Pubertät nochmal verschlimmert hat. Ich kann dir tatsächlich auch keine wirklichen Ereignisse nennen, in denen ich mich als „nicht gut genug“ gefühlt hab, weil sich das als introvertiertes, psychisch vorbelastetes Scheidungskind wirklich ziemlich konsequent durchfrisst und sich von selbst immer wieder aufbauscht. Und jetzt bin ich –zumindest im Internet, hehe – plötzlich eins dieser coolen Kids mit vielen Abonnenten und einem scheinbar Riesen-Selbstbewusstsein, und ich möchte einfach nicht, dass Menschen meine Bilder ansehen und sich denken, dass ich dadurch mehr wert wäre. Ich hasse es sowieso, Menschen einen Wert aufzudrängen.

KinKats: Lass uns über deine Tätowierungen sprechen. Wann hast du angefangen? Welche Tattoos sind deine liebsten, und gibt es welche, die du nicht nochmal machen würdest, vielleicht sogar bereust? Und was sind deine Tattoo Goals? 🙂

Ironheartx: Ich habe direkt mit 18 angefangen, am linken Oberschenkel. Kein gutes Tattoo für den Anfang, tat sauweh. Also, am allermeisten mag ich das „You fail me“ auf meiner Brust, genauso wie das „Not your Girl – never was“ auf meinem Oberschenkel und die kleine schwarze Rose auf meinem Schienbein.
Ich hatte mal auf der Seite meines linken Oberschenkels einen Flamingo, der war sehr schön gestochen. Er hat mich aber, warum auch immer, ziemlich an meine Ex-Beziehung erinnert, die die reine Katastrophe war. Dann habe ich diesen riesigen Flamingo mit einem noch riesigeren, schwarz-roten Kopf überstechen lassen. Den mag ich zwar auch, aber ich denke, man hätte es etwas zärtlicher lösen können. Da es aber in dieser Phase einfach keine andere Lösung für mich gab, ist es schon in Ordnung. Ich bereue nichts. Oh, und ich liebe das „bier <3“-Tattoo in meinem Nacken, das vergesse ich nur leider manchmal selbst 🙃

KinKats: Bei wem lässt du dich tätowieren? Gibt es Tätowierer, deren Arbeit dich reizt?

ironheartx: Meistens lasse ich mich vom Dominik Herzna von der Hoftätowiererei in München stechen, charakterlich der beste Typ! Ansonsten gehe ich gerne zum Andrik Farbenpracht, auch München, und natürlich Friedrich Übler in Gießen, mein Backpiece von ihm ist so schön, dass es gleich komplett geklaut wurde ¯\_(ツ)_/¯ Und zur Zeit hab ich definitiv ein Auge auf @_maldenti_ (Instagram) geworfen. Der ist in Berlin und macht Sachen, die ich so noch nicht hab, und wenn ich wieder Kohle und ‘ne Idee hab, wird er, denke ich, meine nächste Anlaufstelle sein.

Ironheartx 27
KinKats: Ich erlebe gerade viel, dass Leute den Tätowierern nachreisen und zum Teil um die ganze Welt fliegen, um sich von einem speziellen Artist tätowieren zu lassen. Würdest du das auch machen oder supportest du deine locals?

ironheartx: Das würde ich sicherlich für ein paar Künstler auch machen. Am liebsten lass ich mich aber von Menschen tätowieren, die ich einfach mag, weil sie einen super Charakter haben. Für mich ist Tätowieren was ziemlich Intimes, und ich finde es einfach schön, meine Tattoos anzusehen und auch den Menschen dahinter zu sehen, der es gemacht hat. Außerdem bin ich ein fürchterlicher Kunde und fang jedes Mal fast zu heulen an. Ich muss schon mindestens die Mutter des Tätowierers beleidigen können, um meine Wut wegen des Schmerzes rauslassen zu können ¯\_(ツ)_/¯

KinKats: In deinen Captions wirkst du immer sehr selbstbewusst. Bist du das auch im echten Leben immer?

ironheartx: Nein, haha. Ich kann recht gut schreiben und hab auch kaum eine Hemmschwelle von Dingen, die mir zu privat wären. In Wirklichkeit fange ich aber ziemlich schnell zu stottern an und hab auch teilweise vor meinen Freunden eine Blockade, klar zu reden. Das kommt dann einfach nicht raus, und alles ist so wahnsinnig unangenehm, weil: Was zur Hölle soll ich denn sagen? Außer ich hab drei Bier getrunken, dann bin ich wie im Internet. Mein Handy kann ich einfach weglegen wenn ich keinen Bock mehr hab, aber ich kann ja schlecht mitten in Gesprächen aufstehen und gehen, weil‘s mir gerade zu viel wird. Also halte ich allgemein Treffen lieber kurz, außerdem bin ich super gerne alleine.

KinKats: Du hast 130k Follower bei Insta, bedienst aber null dieses Insta-Girl-Image mit Captions à la „Hey ihr Süßis, ich hänge gerade am Strand ab, was macht ihr so?“ 😀 Sprich: Du wirkst sehr edgy. Ist das beabsichtigt?

ironheartx: Ich glaub, dass gerade das so gut ankommt. Ich würd meine Abonnenten aber auch nicht als die bezeichnen, die auf Beauty Tipps abfahren und die es interessiert, dass ich grade am Strand liege und die hören möchten, dass mein Leben viel geiler ist als ihres. Und irgendwie macht es auch einfach Spaß, komische Captions zu schreiben. Wenn ich grade nicht das Bedürfnis habe, jedem zu erzählen, wie dumm ich es finde, Menschen einen Wert zuzuteilen, dann schreib ich das, was mir zur Zeit so durch den Kopf geht. Wobei ich mittlerweile echt ein bisschen mit Sarkasmus aufpassen muss, weil‘s echt eine gute Resistenzrate gibt und mein Humor halt echt schlecht ist.

Ironheartx 32
KinKats: Du zeigst dich oft sehr freizügig. Wie sind die Reaktionen darauf?

ironheartx: Ich denke, dass es eigentlich nur wirklich drei Reaktionsarten gibt: 1. „Woa ey, endbillig, wie kann man als Frau so wenig Selbstachtung haben??!1!“ 2. „Ich find dich geil, hier mein erigierter Penis!“ 3. „Nicer Schlüppi, wo ist der her?“ Oh und bevor ich sie vergesse: 4. „😍😍😍😍😍😍😍😍😍“ Aber im Großen und Ganzen sind die Reaktionen doch positiv. Mittlerweile blockiere ich Menschen auch einfach, wenn sie sich zu negativ äußern, weil das meistens einfach nichts mehr mit Kritik zu tun hat, sondern einfach beleidigend oder belästigend ist. Ain‘t nobody got time for that.

KinKats: Findest du dich selbst sexy? Oder würdest du es anders beschreiben?

ironheartx: Ich mag das Wort „sexy“ einfach nicht. Das löst unangenehme Gefühle in mir aus. Ich bekomm auch echt Ekelgänsehaut, wenn ich daran denke, wie ich jemandem unter vier Augen sage, dass ich ihn sexy finde. Ich hab aber auch keine Alternative (die AfD ist keine). Ich finde eher, dass es dafür keine wirkliche Bezeichnung braucht. „Sexy“ ist für mich so ultra sexuell gemeint, und da sollte man doch eher seine Schnauze halten und genießen, also wenn man das möchte

KinKats: Ist Feminismus ein Thema für dich?

ironheartx: Ganz klares JA! Hat sich aber auch erst entwickelt, als ich etwa 20 war. Davor war Feminismus für mich auch nur was für dicke, komische Frauen, wie halt irgendwie für jeden, der sich damit absolut nicht beschäftigt. Ich bin aus einer echt ekligen Beziehung rausgekommen, die eigentlich nur durch emotionale Abhängigkeit geprägt war und durch Sätze wie „Findest du es okay, als Frau in einer Beziehung ein Profilbild bei WhatsApp zu haben, auf dem du ‘ne kurze Hose an hast?“ Genauso wie mein Gerne-allein-Sein absolut nicht respektiert wurde. Ich mein, was fällt mir ein, danach zu fragen (!), ob es eventuell okay wäre, wenn wir uns „nur“ viermal pro Woche sehen, weil ich einfach meine Alleinzeit brauche? Ich habe lange gebraucht, bis ich es geschafft habe, mich davon zu lösen.

KinKats: Wie hast du das geschafft?

ironheartx: Es hat eine akute psychiatrische Therapie gebraucht, weil ich kurzzeitig in die Suizidalität gerutscht bin. Nach dem Gröbsten habe ich erst mal angefangen, mein komplettes Verständnis von einer monogamen Beziehung zu überdenken und vor allem die Prioritäten meiner psychischen Gesundheit. Und so kam das eine zum anderen, ich habe viel gelesen und vor allem den Kontakt zu anderen Feministinnen* gesucht. Es gibt noch so viele Dinge, die auch in unserer ach-so-emanzipatorischen Gesellschaft mega falsch laufen. Von Dingen wie Genitalverstümmelung und Zwangskinderehen und dass Achtjährige bitte ihre sexuellen Reize verdecken sollen (Obacht, hier geht es nicht um die freie Entscheidung von Frauen, die sich bedecken, weil sie es selbst möchten), möchte ich jetzt gar nicht anfangen.

Ironheartx 7
KinKats: Wie wichtig ist Musik für dich? Hast du Lieblingsartists oder -bands?

ironheartx: Mein Alltime Favorite ist natürlich Converge. Jacob Bannon könnte mir was über Aliens und die Hohlerde erzählen und dass er heimlich Xavier Naidoo hört, und ich würde ihm alles glauben und es für gut befinden (Obacht, Sarkasmus) weil ich ihn für Converge und Wear Your Wounds so sehr liebe. Abgesehen davon, nimmt Musik einen richtig großen Teil ein. Ich brauch diese zwei, drei Tage pro Woche, in denen ich nichts anderes mache, als Musik zu hören und Lyrics zu überinterpretieren, um sie mir anschließend tätowieren zu lassen oder so 🙃 Außerdem sind schiefe Accoustic Versionen und/oder Bands wie God Is An Astronaut eine der besten Erfindungen, um im Selbstmitleid zu versinken und sich darin zu suhlen.

KinKats: Was hast du auf Spotify als letztes gehört?

ironheartx: Das „Lights We Made“-Album von Balance & Composure. Und warum gibt es „Deadalus“ von Deafhaven nicht bei Spotify?

KinKats: Any last words? 🙂

ironheartx: Ich habe momentan die Aufnahmekapazität eines Goldfisches, und das ist mein erstes Interview, und es ist 01.50 Uhr, und ich bin nervös und hab Angst vor den Kommentaren. Aber solltet ihr an einer Sammelklage gegen Spotify wegen dem Deafheaven-Skandal interessiert sein, meldet euch <3

2 Responses
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *