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Alice Cooper – „Paranormal“: Die Rente wird verschoben

Eine Review von Rod Usher.

Eine Rezension soll objektiv sein, zwar die persönliche Meinung des Rezensenten widerspiegeln, aber diese mit Beispielen und Hintergrundinformationen untermauen. Emotionen haben in einer Besprechung meist wenig zu suchen. Scheiß drauf, all das gilt heute nicht: Ein Alice-Cooper-Album bespreche ich nicht als professioneller Kritiker, sondern als Fanboy. Schließlich begleitet mich der Erfinder des Shock-Rocks schon seit meiner frühen Teenagerzeit und meine gesamte musikalische Laufbahn lang.

Es war Juli 1990 – und ich ein Teenager – als ich Alice Cooper erstmals live sah. In der mittlerweile abgerissenen Kölner Sporthalle servierte uns der Altmeister sein damals neues Album „Trash“ und neben Hits wie „Poison“ auch unzählige Klassiker wie „I’m Eighteen“, „No More Mr. Nice Guy“ oder „Billion Dollar Babies“. Diverse Cooper-Konzerte später erhielt ich endlich die Gelegenheit, den Meister persönlich zu sprechen. Ein Interview für – natürlich – KinKats stand an. Alice entpuppte sich als unglaublicher Gentleman, der sich Zeit für seine Antworten ließ und sogar total „down to earth“ rüber kam, als ich ihm meine Nervosität gestand. „I’m just a regular guy, no need to be nervous“, sprach er zu seinem Jünger. Trotzdem: Nervöser war ich nur, als Gene Simmons von KISS bei mir daheim anrief…

Und dann kam dieser Moment, an den man erst glaubt, wenn es soweit ist. Meine Band The Other wurde als Support Act für Alice Cooper bestätigt. Nicht bei einem Festival (das kam später mehrfach vor), sondern als direkte und einzige Vorgruppe. Das Konzert können wir in der Nachbetrachtung als kompletten Fehlschlag verbuchen, denn in Bonn durften seinerzeit Shows nicht lauter als 90 Dezibel abgehalten werden, und wir waren bereits gegen 19 Uhr auf der Bühne, dazu vor einem Publikum, dass mit Horrorpunk wenig anfangen konnte. Egal, denn kurz nach der Show klopfte es an unserer Garderobentür, und ein Mann trat ein, der sich mit „Hi, I’m Alice“ vorstellte. Da war er, der Rockstar persönlich. Und er nahm sich Zeit für Fotos, Autogramme und einen netten Plausch.

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Einige Jahre später ist Alice Cooper noch immer aktiv. Gut so, denn mit „Paranormal“ hat der mittlerweile 69-Jährige wieder solide Kost für seine Fans abgeliefert. Klar, Hits wie „School’s Out“ oder „Hey Stoopid“ schreibt man nicht auf jeder Scheibe noch einmal, doch mit dem Opener und Titeltrack – eine feine Musical-Style Nummer, die auch Meat Loaf gut zu Gesicht gestanden hätte – legt der Sänger die Latte gleich mal hoch. Gemeinsam mit Haus und Hof Produzent Bob Ezrin (u.a. KISS, Pink Floyd, Deep Purple) werden Songs rausgehauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem ganz klar im klassischen 70er Sound einer langen Karriere einzuordnen sind. 

„Dynamite Road“ rockt dreckig daher, „Private Public Breakdown“ liefert ordentlich Glam-Faktor, „Holy Water“ serviert Gospel-Klänge mit Bläsern und „Rats“ weiß sogar dem geneigten Punk-Rocker zu gefallen. Gastspiele von Roger Glover („Paranoiac Personality“) und Billy Gibbons („Fallen In Love“) hätte es da gar nicht gebraucht. 

Die wahre Überraschung allerdings liefert die Bonus-Scheibe, die dem neuen Album beiliegt. „Genuine American Girl“ und „You And All Of Your Friends“ wurden mit den noch lebenden Mitgliedern der originalen Alice Cooper Band eingespielt und klingen so rotzig-frisch, als wäre „Billion Dollar Babies“ gerade erst auf den Markt gekommen. 

Ebenfalls auf der Bonus-Dreingabe enthalten: Fette Live-Aufnahmen alter Hits. Die allerdings sollte man lieber getrennt hören, denn im direkten Vergleich wird dann doch deutlich: Egal, wie gut Alice Cooper auch 2017 noch ist, gegen seine alten Meisterwerke hat neues Material wenig Chance. Trotzdem: „Paranormal“ ist jetzt schon ein Anwärter auf den Titel „Album des Jahres“. Die Rente wird also vorerst verschoben! 

Hier könnt ihr das Album bestellen!

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