Festival 2

Festival-Liebe: Im Herzen sind wir alle betrunken

Ein Text von Sinah Raglewski.

Ich habe mir vorgenommen, einen coolen Festivalbericht zu schreiben, aber ab der ersten Zeile ist mir dann aufgefallen: Das wird nichts. Warum? Weil mein Kopf noch voller Eindrücke ist. Roter Faden? Fehlanzeige. Also werde ich euch das beschreiben, was an Bildern geblieben ist. Szenen eines Festivals oder so.

Fünf Uhr Morgens, höchstens 5.30 Uhr, Nadja macht sich einen Tetrapack Weißwein auf. Nach drei Stunden Fahrt ist es jetzt höchste Zeit, die nächsten vier Tage einzuleiten.

„Wenn du durchtrinkst, bekommst du keinen Kater“, zitiert Nadja eine alte Festivalweisheit. Stimmt schon, aber nicht, wenn man sich literweise Bier hinter die Kiemen kippt, nachdem der Tetrapack alleine weggezischt wurde. „Nur Wein ist halt auch nicht gesund.“ Am späten Nachmittag wird sie noch einmal an ihre Worte zurück denken. 

Rock am Ring – unser Urlaubshighlight, auf das wir jedes Jahr warten und drauf hinarbeiten, nervös das Verkaufsdatum abwarten und jedes Jahr trotzdem kurz vorher ins Struggeln kommen – Tickets verloren, Fehler bei der Kartenbestellung. 

Nach den ersten „Wenn das nicht klappt, ist mein Leben zu Ende“-Sprüchen sitzen wir am Ende trotzdem vollzählig und ein bisschen stolz unter unserem selbst aufgebauten Pavillion und trinken Bier. Im Herzen sind wir jetzt schon alle betrunken.

Festival 6
KinKats-Autorin Sinah (r.) mit Festival-Girlfriend <3

Wie in jedem Jahr heißt es auch heute wieder von jemandem: „Diesmal will ich nicht trinken.“ Aber diese Idee kam nicht von meiner Seite und niemals von Nadjas, wird aber lächelnd hingenommen. Daraus wird eh nix. Mindestens einmal wird geweint, wir sind wehmütig, wütend und überdramatisieren. Außer Vanessa, Vanessa ist hart. Wenn, dann weint sie heimlich im Zelt oder aber vor Rührung, weil ich zum „Nacktivist“ geworden bin: „Sinah, was tust du da?“ Vanessa kennt mich seit zehn Jahren, hat mich aber seit zwei, drei Jahren nicht live in Aktion gesehen.

Man mag vermuten, dass es auf Festivals ein gewisses „Sehen und gesehen werden“-Gefühl gibt, aber mit fast 24 – und das mag nun nicht alt klingen – hat man eine andere Sicht der Dinge.

Es ist mir scheißegal, ob andere denken, ich habe geduscht oder nicht, und wenn ich mich rasiere, dann weil ich das will. Meinen Haarglätter habe ich im dritten Jahr daheim gelassen, einen Föhn gar nicht erst dabei, dafür ungefähr drei sexy Oberteile, die ich meinen Freunden nach dem Festival vererben werde.

Das Schönste an einem Festival ist der Zeltplatz, das heißt das, was hier passiert. Erst danach kommen die Bands, die ein oder andere spielt eh auf so gut wie jedem Event. 

Auf dem Zeltplatz siehst du, wer Freund ist und wer Feind, mit wem du keine vier Zeltwände mehr teilen magst und welchen Nachbarn du gerne morgens verkatert entgegen trittst. Du freust dich nach vier Wochen Gym-Pause über deinen Flunkyball-Erfolg. Wenn du müde wirst, reicht auch Bierpong, und alle freuen sich mit. Mehr als über deine Abs oder deinen tollen Arsch, weil: Biertrinken kann jeder.

Auf dem Festival wird jegliche Depression an den Nagel gehängt, brauchen wir nicht. Wir haben Alkohol, Musik und uns. 24/7. 

Festival5

Die Musik ist auch gut, vor allem die zwei bis drei Bands, die man WIRKLICH sehen mag, und tatsächlich waren wir bei SUM41 und Broilers ganz weit vorne, verschwitzt und glücklich.

Kraftklub erinnern uns daran, dass wir nicht nach Berlin wollen, aber müssen, spätestens in drei Tagen, weil das Festival dann vorbei ist.

Man lernt so unfassbar viele Menschen kennen, die man kennen mag – oder auch nicht. Hofft doch darauf, dass manche von ihnen dich sehen, ist kurz nüchtern, aber nur fünf Minuten lang für das Foto auf Instagram, um seine Freunde und Follower per Insta Story in Kenntnis zu setzen, dass man sich gerade auf dem Festival befindet.

Wir hatten Spaß, so viel Spaß, dass es zwischendurch wehtat. Es gab blaue Flecken, peinliche Erinnerungen, Fotos, die hoffentlich niemals von der CIA rekonstruiert werden und einen tagelangen Kater, wenn das Festival-Gelände schon längst wieder verlassen wurde. Weil dein Körper sich das Privileg nimmt, dich für all den Spaß bestrafen zu dürfen.

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