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Martin Hentschel: Zitroneneis – Die „Eis am Stiel“-Bibel

„Eis am Stiel“ – jeder pubertierende Jugendliche der 80er kannte die Filmserie um Benny, Johnny und Bobby beziehungsweise Momo. Der Journalist Martin Hentschel hat jetzt ein Buch über die wilde Mischung aus Gags, Pannen, Sex und Rockabilly geschrieben und lässt die goldene Zeit der Teeniefilme wieder aufleben, der Titel: „Zitroneneis, Sex & Rock‘n‘Roll: Die deutsch-israelische Filmreihe ,Eis am Stiel‘ (1978-1988)“. KinKats hat mit ihm gesprochen.

KinKats: Martin, was fasziniert dich persönlich an den „Eis am Stiel“-Filmen?

Martin Hentschel: In meiner Vorstellung waren das früher Filme, die nur Erwachsene sehen durften, umso größer war der Reiz. Für viele Heranwachsende wie mich war „Eis am Stie“” in der Pre-Internet-Ära DIE Möglichkeit, nackte Haut zu sehen, ohne sich ins Sexkino schleichen zu müssen. Erst im Laufe der Zeit begriff ich, welch große Bedeutung diese Filme kulturhistorisch hatten.

KinKats: Wo hast du damals die Streifen geschaut? Unsereins war noch zu jung und durfte mit Glück die VHS-Kassetten bei älteren Freunden schauen, wenn die Eltern nicht zu Hause waren. Du bist sogar erst 1984 geboren …

Martin Hentschel: Ich selbst kam Anfang der 1990er Jahre mit diesen Filmen in Kontakt, als sie noch auf dem Privatsender RTL-Plus liefen, heute dann RTL. Ich war sehr jung, als ich die Filme sah. Als sie 1993 auf RTL und 1997 auf VOX wiederholt wurden, begann ich in dieser Zeit auch mit meiner „Eis am Stiel“-Sammlung, die ich damals auf Flohmärkten und in Kaufhäusern aufstockte. Als dann Anfang 2000 Amazon und Ebay dazukamen, wuchs meine Sammlung bis heute ins Unermessliche. VHS-Kassetten, Pressehefte, Autogramme, Fotos, Soundtracks, Poster, Werbematerial, Einzelstücke und so weiter. Die Dinge stammen von überall: Israel, Japan, USA, Frankreich, Italien, Korea, Spanien, Finnland, Schweden, Mexiko, Deutschland … Ich kann behaupten, die weltweit größte „Eis am Stiel“-Sammlung zu besitzen.

Eis am Stiel

KinKats: Nun bist du nicht nur Fan, der die DVD-Box im Schrank stehen hat, sondern hast ein Buch über die acht Teile der „Eis am Stiel“-Serie geschrieben. Wie bist du diese Mammut-Aufgabe angegangen? 

Martin Hentschel: Die Idee, ein Sachbuch über „Eis am Stiel“ zu schreiben, schlummerte schon einige Jahre in mir. Die Entscheidung, nun mit der Arbeit daran zu beginnen, hatte ich, nachdem ich wieder einen dieser unzähligen schlecht-recherchierten Artikel zu den Filmen in den Gossip-Medien gelesen hatte. Nach dem Motto „Was machen die Stars aus ,Eis am Stiel‘ heute?“ oder „Unglaublich! Das ist aus den Schauspielern geworden!“ Diese Artikel, die meist online zu finden sind, sind nicht nur grässlich recherchiert, sondern auch zu 99 Prozent voller falscher Infos. Da wird behauptet, Schauspieler Yiftach Katzur („Benny“) hätte 1997 das letzte Mal vor der Kamera gestanden, obwohl er regelmäßig in israelischen TV-Serien, unter anderem für den Disney Channel, zu sehen ist. Wenn man als Journalist seine Infos natürlich nur aus einem oberflächlichen Blick auf Wikipedia zieht, muss man sich nicht wundern, wenn solche Ergüsse dabei herauskommen. 

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Autor und Journalist Martin Hentschel

KinKats: Wie bist du die Recherche angegangen? 

Martin Hentschel: Mein Vorteil war natürlich meine über Jahre zusammengestellte umfangreiche Sammlung. Bei der eigentlichen Recherche bediente ich mich größtenteils bei alten israelischen Zeitungsartikeln, danke an Moshe Yitzhak für die Übersetzungen! Ich führte außerdem Gespräche mit Zeitzeugen, die Teil dieser Filmreihe waren, etwa Schauspieler, oder Menschen hinter der Kamera. An dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an Uwe Huber, der mir erlaubte, zwei hervorragende Interviews mit den Hauptdarstellern exklusiv abzudrucken. Die größte Herausforderung bestand – wie meistens bei meinen Büchern – darin, die Leute aufzuspüren und zu überzeugen. Das Problem war nicht etwa, die israelischen Schauspieler aufzutreiben, sondern die Deutschen, denn „Eis am Stiel“ war ab dem zweiten Teil eine deutsche Ko-Produktion, deswegen baute man deutsche Schauspieler ein.

KinKats: Dein Werk kann ohne Übertreibung als die Bibel für alle Die-Hard-Fans der Serie angesehen werden. Worauf bist du in diesem Kontext besonders stolz?

Martin Hentschel: Ich bin mit dem Werk in seiner Gesamtheit sehr zufrieden. Besonders die vielen Geschichten über Gerichtsprozesse, Streitigkeiten und Dramen haben bei der Recherche viel Spaß gemacht. Auch bin ich sehr stolz auf das im Buch vorhandene lizensierte Bildmaterial, was größtenteils noch niemals publiziert wurde.

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Foto (und großes Foto oben): Copyright Scotia Film

KinKats: Ein besonders Schicksal ist das von Schauspielerin Sibylle Rauch, die durch die „Eis am Stiel“-Filme bekannt wurde, dann Pornos drehte und schließlich im Drogensumpf abstürzte. Weißt du, was sie heute macht?

Martin Hentschel: Das Letzte, was ich mitbekommen hab, ist, dass sie in einem Wiener Bordell der Prostitution nachgeht. Wirklich traurig, wie manche Biografien verlaufen. 

KinKats: Du bist selber Schauspieler. Wie beurteilst du die Serie aus qualitativer Sicht? Ist sie reiner Trash-Kult oder hat sie wirklich etwas zu bieten?

Martin Hentschel: Der erste Teil war für den Golden Globe nominiert und sogar im Rennen um die Nominierung als bester fremdsprachiger Film bei den Oscars, da er ein ernstes Coming-of-Age-Drama von sehr hoher Qualität ist. Alleine die Kameraarbeit von Adam Greenberg (später Oscar für „Terminator 2“) ist meisterhaft. Aber auch die Schauspieler agieren realistisch und authentisch. „Eis am Stiel“ ist eine Milieustudie über Tel-Aviv und Israel in den frühen 60er Jahren. Die ganze Geschichte basiert auf Jugenderlebnissen des Regisseurs Boaz Davidson. Deshalb drehte man an Originalschauplätzen. Die Reihe verwässerte mit den Jahren immer mehr, weil der deutsche Ko-Produzent Sam Waynberg („Scotia Film“) den Sex- und Klamaukanteil stets erhöhte. Trotz dieser Tatsache waren die Filme immer handwerklich gut produziert und darstellerisch ganz oben. 

KinKats: Ein Erfolgsgarant war auch der Soundtrack, der perfekt zum Rockabilly-Revival der 80er passte und viele damalige Teens erst mit den Hits der 50er in Kontakt brachte. Warum passt der Sound so perfekt zur Handlung, speziell der ersten Teile?

Martin Hentschel: Regisseur Boaz Davidson machte sich bei dem ersten Teil keine Gedanken um Musiklizenzen. Er hatte einen Stapel alter 45-er Single-Platten seiner Schwester und legte einfach die Musik an die Filmszenen an. In der israelischen Fasssung von Teil 1 ist deshalb ein komplett anderer Soundtrack zu hören, als in der Exportfassung. Dennoch war die Lizensierung von fast 30 Musiktiteln zu damaliger Zeit sehr unüblich und natürlich auch teuer. Bei den Folgeteilen hatte man genug Geld und konnte aus dem Vollen schöpfen. Leider nicht immer ganz treffsicher: Teil 7 besitzt zum Beispiel einen völlig unpassenden 70er-Jahre Synthesizer-Soundtrack. In meinem Buch gehe ich auf die Musik sehr ausführlich ein: Welches Lied wurde in welcher Szene und in welcher Fassung gespielt?

KinKats: Nach „Heiße Teens“ und „Lass Jucken“ hast du nun deinen Bücher über Kultfilme mit „Zitroneneis“ fortgesetzt. Was steht als nächstes an? Die „Schulmädchenreport“-Streifen? Oder doch die „Ist ja irre“-Serie?

Martin Hentschel: Derzeit arbeite ich an “Video Rebellen 2”. Darin bespreche ich wieder seltene und kuriose Lang- und Kurzfilme aus dem deutschsprachigen Amateur- und Independent-Genre.

Das Buch „Zitroneneis, Sex & Rock‘n‘Roll: Die deutsch-israelische Filmreihe ,Eis am Stiel‘ (1978-1988)“ von Martin Hentschel (ISBN: 1539578720) erhaltet ihr für 20 Euro bei Amazon, vielen anderen Online-Buchhändlern und natürlich im gut sortierten klassischen Handel. Hier könnt ihr es bestellen!

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