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„Legion“: Genie, Wahnsinn und overall Crazyness

Ein Text von Hans Pørnflake.

Es gibt derzeit kaum etwas Omnipräsenteres als Comic-Book-Helden. In unzähligen Filmen und Serien kloppen sich die X-Men, Batman, The Avengers, Superman, Wonderwoman oder Thor, und man kann, wenn man nicht Bibliotheken von Comics verschlingt, ziemlich schnell den Überblick verlieren. Das Geschäftsmodell „Superheroes“ funktioniert so gut, dass in den nächsten drei Jahren knapp 30 neue Superheldenfilme erscheinen werden – kein Scheiß! Und da sind noch nicht einmal die Serien mit eingerechnet.

Es ist also nicht übertrieben, zu sagen, dass Marvel und DC derzeit den Reibach ihres Lebens machen, und den Konsumenten fast nichts zu blöd ist, um es zu schlucken. Denn Masse heißt nicht immer Klasse. Und trotz des kommerziellen Erfolges hätte man, rein qualitativ, durchaus auf die Hälfte der Filme und Serien verzichten können. Da ist es echt erfrischend, dass sich die großen Studios trauen, auch mal etwas abseits des Blockbuster-Marktes zu bieten. Womit wir bei „Legion“ wären.

Comicbook-Kenner (zu denen ich weiß Gott nicht gehöre) werden jetzt vielleicht gelangweilt gähnen, aber diejenigen, die mit Superhelden nichts anderes als die immer selben Iron-Man-Verfilmungen und Thors Bizeps verbinden, müsste diese Serie in etwa zusammenblasen, wie ein Wirbelsturm von Halle Berry. Denn „Legion“ ist anders, abgefahren, strange, crazy, bunt und vor allem besorgniserregend unvorhersehbar.

Um mal schnell das Technische hinter uns zu bringen: Legion ist in den Comics der Sohn von Charles Xavier, dem Boss der X-Men, dessen Verstand durch ziemlich viele unglückliche Umstände in zig verschiedene Persönlichkeiten zersplittert. Legion aka David Charles Haller, von dem alle denken, er sei schizophren, ist in Wahrheit einer der mächtigsten Mutanten, die so herumlaufen. Glücklicherweise muss man kein Comic-Kenner sein, um die Serie wertschätzen zu können. Dazu sind einfach die Schauspieler zu gut, Settings, Musik und Kostüme zu genial und die overall Crazyness zu reizvoll.

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In der Serie befindet sich David (Dan Stevens) in einem ständigen Kampf mit seinen Persönlichkeiten und seiner Realität. Die Erzählweise, aus Davids verstörter Perspektive fast immer kreativ-verstörend dargestellt, erinnert dabei kaum an gängige Superhelden-Konzepte. Regisseur Noah Hawley („Fargo“) bringt eine neue, bisher auf Film nicht gekannte Dimension in das doch etwas staubige Genre. Ob es das bunte 60s Setting mit beige-orangenen Anzügen, senfgelben Sofas und Nierentischen ist, oder die immer wieder auftretende Verquickung von Traum, Fantasie, Einbildung und Realität – es gibt an der Serie kaum etwas zu bemängeln.

Als einzigen, klitzekleinen Kritikpunkt könnte man anmerken, dass die Macher sich ab und zu ein wenig zu viel in das Abgefahrene verliebt haben und man manchmal hier und da Probleme hat, der Story zu folgen. Das alles löst sich aber zum Glück schon nach einigen Folgen wieder so auf, dass der Rote Faden von da an deutlich zu erkennen ist. Dennoch könnte es einige Zuschauer sicherlich abschrecken.

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Der Cast um Dan Stevens, der eine unfassbare Performance abliefert, Rachel Keller und Aubrey Plaza, kann durch die Bank überzeugen. Das Visuelle ist eine Klasse für sich und die Erzählweise zum Glück nicht der gängige Superhelden-Einheitsbrei, den man inzwischen leider gewöhnt ist. Genau deshalb braucht man als Neuling der Serie – und vielleicht sogar des Genres – auch Mut, die Serie anzufangen und vor allem durchzuhalten. Es gibt Momente, in denen man ein riesiges WTF! vor der Stirn hat, doch zum Glück überwiegen die Momente, in denen man staunend mit offenem Mund vor der Glotze sitzt und sich denkt: „Wie krank-geil ist das denn!“

Mit „Legion“ ist Noah Hawley ein augenzwinkerndes, bombastisches und farbenfrohes Sittengemälde des Superheldenkosmos gelungen, das nicht im entferntesten an die explosionsgeilen Blockbuster erinnert, sondern sich eine eigene Identität, hart an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, geschaffen hat.

Die Wiederholung der ersten Staffel „Legion“ läuft ab 25. Mai immer donnerstags um 22.30 Uhr auf FOX.

Fotos: Frank Ockenfels/FX. Copyright 2016, FX Networks. All rights reserved.

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