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Fotografin Anneliese Moder: Wenn es dem Model hilft, mache ich mich nackt

Ein Interview von Artie Shaww.

Ich durfte die großartige Anneliese Moder interviewen, Fotografin und Künstlerin aus Berlin. Persönlich kannte ich Anneliese bis dahin noch nicht, doch stolperte ich immer wieder über ihre Arbeiten. Ob Fotostrecken für KinKats, für den Blog Mimi&Käthe, von Instagram bis hin zu ihrem Tumblr – was mir dabei auffiel, war die künstlerische Bandbreite, die Anneliese Moder mit ihren Bildern und Projekten erreicht. Was ihr das alles bedeutet, fragte ich mich. Und dann löcherte ich Anneliese – mit all meinen Fragen.

KinKats: Du erscheinst offen und neugierig auf die Welt. Ich sehe in deinen Bildern buntschillernde Käfer und kuschelige Katzen, nackte Menschen, Selfies. Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Anneliese Moder: Ich glaube, ich hätte mich nie wirklich getraut, loszulegen. Ich sehe mich selbst meist nicht als kreativ oder gar talentiert. Ein Freund ist Fotograf und hat mir meine Fujifilm Wide 210 geschenkt. Dennoch habe ich mich nie wirklich getraut, was zu knipsen, außer meine Katzen. Eine andere Freundin von mir hat mich dann quasi gezwungen, während einer recht wilden Party meine ersten Bilder von ihr zu machen. Sie war von den Bildern so begeistert, hat mir so viel Mut zugesprochen – ich werde jetzt noch rot, wenn ich daran denke. Die Bilder habe ich dann meiner liebsten Mimi Erhardt gezeigt, die auch gleich verliebt war und direkt mehr für ihren Blog Mimi&Käthe bestellt hat.

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Tattoomodel Nasti van der Weyden, fotografiert von Anneliese

KinKats: Warum gerade Polaroid? Analog?  

Anneliese: Ich zeige die Dinge gerne so, wie sie sind. An Instant-Fotografie kann man nichts mehr ändern, die Fotos sind einfach so, wie sie sind. Ich mag den privaten Charakter der Bilder und möchte den mittlerweile auch gar nicht mehr verändern.

KinKats: Wohin nimmst du mich mit? Was ist deine Reise?  

Anneliese: Wenn ich das nur wüsste. Ich lasse mich selbst überraschen und einfach treiben. Ich habe das Gefühl, wenn ich etwas total fokussiere, entgleitet es mir oder ich bin enttäuscht, weil es dann nicht so klappt, wie ich möchte. Ich erwarte oft zu viel von mir und bin dann nie zufrieden. Seitdem ich mehr Dinge auf mich zukommen lasse, läuft mein Leben viel besser.

KinKats: Kannst du mit dem Begriff „Inspiration“ etwas anfangen? Ist es ein Zusammenspiel der Gegebenheiten? Oder fliegen dich Ideen an?  

Anneliese Moder: Inspiration kann ich oft selbst gar nicht fassen und begreifen. Mich inspirieren Menschen, Situationen und das, was mich umgibt. Für mich ist es also eine Mischung aus Gegebenheiten und Ideen, die mich anfliegen.  

KinKats: Was ist dein Antrieb?  

Anneliese: Mein Antrieb ist es, Dinge so zu zeigen, wie sie sind. Ich mag es übertrieben, aber nicht künstlich. Trash ist auch schön und gehört zum Leben. Schön kann und darf auch abseits der Norm sein.  

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Manchmal inszeniert die Fotografin auch ihren eigenen Körper

KinKats: Du hast einige deiner Arbeiten in Jerusalem ausgestellt. Wie kam es dazu?

Anneliese: Die Ausstellung war nur eine ganz kleine auf einer Techno-Party. Ein Freund, den ich auf einer After-Party kennengelernt habe, veranstaltet die Party und war so begeistert von den Bildern, dass er sie unbedingt zeigen wollte. Wir planen aber auch noch eine wirkliche Ausstellung in Tel Aviv, diesmal in einer Galerie und mit mir vor Ort.  

KinKats: Wie aufgeregt bist du? Ist das deine erste internationale Ausstellung?  

Anneliese: Ich war ziemlich aufgeregt und nervös, weil ich nicht anwesend sein konnte und quasi alles per Fotos dirigieren musste. Ich habe tatsächlich schlecht geschlafen. 

KinKats: Magst du das Gefühl beschreiben, wenn du daran denkst?  

Anneliese: Meine Babys allein in Jerusalem, ich hatte Angst um sie. Unsicherheit, ob ich da das Richtige mache, gerade, weil ich die Bilder noch nirgendwo gezeigt habe und das Projekt noch völlig unbekannt ist.  

KinKats: Bei diesem Projekt ging es nicht um klassische Fotografien: Du stellst dabei „kopierte Tätowierungen“ aus.

Anneliese: Richtig, kopierte Tattoos, mit einem richtigen alten, fetten Kopierer, der durch Zufall in unserer WG steht. Wenn man so ein Ding zu Hause hat, ist die Verlockung recht groß, zumindest mal die eigenen Tittchen zu kopieren. Dabei stellte sich heraus, dass das Tattoo echt krass raus kommt.

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Pornostar Lullu Gun

KinKats: Du zeigst immer sehr schöne, interessante Menschen, die das gewisse Etwas haben. Wonach richtet sich dein Augenmerk?  

Anneliese: Das ist echt schwierig, ich mag „Typen“. Jemand muss für mich nicht klassisch schön sein, darf es aber gerne. Wichtiger ist für mich, dass die Person sie selbst ist und das auch rüber bringen kann. Menschen, die mit jedem Bild hadern, so wie ich das tun würde, kann ich also weniger gebrauchen.  

KinKats: Du hast ein besonderes Auge, wenn du Menschen fotografierst. Wie stellst du die Atomsphäre her, die es braucht, um solche intimen Fotos zu schießen? Denn deine Fotos von anderen Personen erscheinen niemals gestellt. Was ist bei dieser Art der Aktfotografie wichtig? 

Anneliese: Am Anfang fiel es mir echt leicht, weil ich nur Freunde fotografiert habe, die eh schon hier halbnackt rumgesprungen sind, da schämte sich keiner mehr. Jetzt, wo auch ab und an mir vorher unbekannte Models vorbei kommen, wird das schon ein wenig schwieriger. Ich versuche, mich da auf mein Bauchgefühl zu verlassen. Kaffee, Kuchen und Katze auf dem Schoß tun oft schon Wunder. Ich unterhalte mich aber auch gern vor dem Shooting mit den Mädels und Jungs. Im Zweifelsfall habe ich mich selbst auch schon als Fotografin nackt gemacht, warum auch nicht, wenn es hilft? Ich bin selbst oft die nervöseste Person beim Shooting.  

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Tattoomodel Madame Miau modelte auch schon für die Berliner Künstlerin

KinKats: Ich liebe deinen offenen Umgang mit deinem Körper. Wie ergeht es dir, wenn du dahingehend ein Foto von dir mit nackten Brüsten schießt? Brauchst du Überwindung, das Foto dann auch ins Internet zu stellen?  

Anneliese: Bilder, auf denen man nur meine Brüste sieht, zeige ich recht gern – klein, aber fein. Doch tatsächlich ein Bild mit Gesicht UND Brüsten zu veröffentlichen, kostet mich immer wieder Überwindung. Ich habe mir aber gedacht, dass das nur fair ist, immerhin veröffentliche ich auch Bilder von anderen Menschen, die nackt sind. Bei allen Unsicherheiten, die dennoch übrig bleiben: Das bin ich. Dafür brauche ich mich nicht schämen. Mama kennt die auch und lebt weiter.  

KinKats: Du wirkst verletzlich und scheu und dennoch so stark. Du hast Kraft.  

Anneliese: Die brauche ich oft auch, weil ich tatsächlich furchtbar verletzlich und scheu sein kann.  

KinKats: Braucht man das heute als Frau mehr denn je? Kraft, Stärke, Mut?

Anneliese: Ich glaube, als Frau braucht man das generell, heute wie damals und wahrscheinlich auch morgen. Das ist okay, wir können daran nur wachsen. Wir können uns aber helfen und uns unterstützen, statt uns auch noch gegenseitig die Augen auszukratzen. Girls support girls und Girlpower. 

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KinKats: Spannend finde ich deinen tumblr „just-to-give-them-a-home“, ein Blog, auf dem du Schwanzbilder veröffentlichst. Berichtige mich, aber ist es so, dass dort Penisbilder abgeladen, also submitted werden können,die frau gar nicht wollte?  

Anneliese: Exakt, ich wollte den armen, ungewollten Dingern ein Zuhause geben. Eigentlich wollte ich immer einen Bildband machen, aber die Qualität der Bilder ist dafür einfach oft zu schlecht, und man antwortet den Männern ja doch eher nicht „Ey, kannst du das auch mit xy Pixeln schicken?“  

KinKats: Hattest du schon mal Mitleid mit den Penissen, die niemand sehen möchte?  

Anneliese Moder: Ab und an hatte ich Mitleid, aber ich war auch genervt davon. Ich wollte nicht immer und immer wieder mir ungefragt die Geschlechtsteile von anderen ansehen müssen. Das ist wohl der moderne Exhibitionismus. Steht heute keiner mehr im Mantel im Park? Ich selbst finde die Hintergründe der Fotos allerdings oft echt faszinierend und vollkommen unterbewertet. Wer spiegelt sich, ist da noch ein Fuß? Die Absender der Dick Pics  sind übrigens immer anonym und nicht zu erkennen – sollte doch mal ein Gesicht zu erkennen sein, schneide ich das raus.

KinKats: In Zeiten, in denen sich Frauen supporten und die Message gilt, dass jede Brust wunderschön ist, haben es Männer da schwerer? Kann das eine Aussage sein – dass jeder Penis schön ist und ein Zuhause braucht?  

Anneliese: Ich glaube, es wird oft vergessen, dass auch Männer ihre Unsicherheiten mit ihren Geschlechtsteilen haben, genau wie wir Frauen. Der Fokus der Öffentlichkeit liegt aber weniger auf perfekten Schwänzen, als auf perfekten Brüsten, schon allein, weil man diese nicht in der Werbung oder so sieht. Brüste sind überall, und Männer bewerten sie furchtbar gerne: „Die hat ja nicht mal Titten“ oder „Boah, die würde ich gerne mal kneten.“ Frauen sind da doch zurückhaltender: „Nein Schatz, die Größe ist nebensächlich“. Da ich aber generell für die Body Positive Bewegung bin, warum nicht auch für Schwänze? Irgendwie haben die Meisten ja doch was. Mittlerweile freue ich mich über jedes Bild, insofern hat das Projekt „Just to give them a home“ zumindest in mir bereits etwas bewegt. Leider werden es aber weniger, also immer her mit euren ungewollten Bildern.  

KinKats: Ich warte auf den Bildband! Abschließend noch eine Frage: Was würdest du Menschen heute mitgeben wollen?  

Anneliese Moder: Lauft mit offenen Augen durch die Welt, und reflektiert euch und andere, versucht, nicht zu bewerten. Bewerten ist fies, und bringt uns selbst nicht weiter!

Alle Fotos: Anneliese Moder

Anneliese Moder bei Facebook
Bei Tumblr
Annelieses Projekt „Just to give them a home“ auf Tumblr

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