BlandineDiotima_5

Blandine Diotima: Stille Rituale und düster-zarte Tattoos

Ein Interview von Mimi Erhardt.

Blandine Diotima gehört zu den Menschen, die ich über Instagram kennengelernt habe. Eines Tages war sie da, diese schöne, junge Frau, deren Fotos und Zeichnungen immer ein wenig dunkel, geheimnisvoll, manchmal melancholisch wirken. Seit einiger Zeit arbeitet die 29-Jährige in einem Tattoostudio und hat dort ihren Traum Realität werden lassen: Sie macht eine Ausbildung zur Tätowiererin. Im Interview mit KinKats erzählt Blandine von ihrem Weg, ihrer Kunst und was Stummfilme mit ihren Bildern zu tun haben.

KinKats: Meine Liebe 🙂 Als wir uns kennenlernten, warst du ein Mädchen, das gern gezeichnet hat und von einer Ausbildung als Tätowiererin träumte. Inzwischen hat sich dein Traum erfüllt. Erzähl, was hat sich dadurch alles verändert? 

Blandine Diotima: Für mich ist das Ganze eigentlich immer noch ein bisschen unwirklich. Ich konnte mein größtes Hobby zum Beruf machen und tätowiere seit letztem Jahr bei Glorious Ink Tattoo im Prenzlauer Berg in Berlin. Das Schönste ist, dass man plötzlich unfassbar viel Liebe und Anerkennung zurück bekommt. Wenn Leute meine Sachen liken, kommentieren, wie schön sie etwas finden oder Kunden von mir, die einfach nur glücklich den Laden verlassen, ist das ganz wunderbar. Ich glaube, kein anderer Job ist so dankbar. Ich bin oft immer noch überrumpelt mit so vielen Gefühlen, und ich freue mich unglaublich, dass mein größter Traum tatsächlich inzwischen real geworden ist. 

KinKats: Viele träumen von einer Ausbildung in einem Tattoostudio, sind sich oft aber gar nicht darüber im Klaren, wie hart das ist. Schließlich ist Tätowierer noch immer kein klassischer Ausbildungsberuf mit einem Gehalt, von dem man leben kann. Wie handhabst du das? 

Blandine: Ich arbeite zusätzlich jeden Montag in einem Klamottenladen. Das heißt, ich habe im Moment eine Sechs-Tage-Woche, aber es lohnt sich. Meine Familie unterstützt mich, damit ich mein Leben jetzt am Anfang finanzieren kann. 

KinKats: Was würdest du anderen Hopefuls raten?

Blandine: Wenn Zeichnen nicht sowieso schon euer Hobby ist,  macht es zu eurem Hobby. Je mehr man zeichnet, desto besser. Die Arbeit hört nicht auf, wenn man abends das Studio verlässt, zu Hause geht es dann weiter. Es ist viel Arbeit, aber macht unfassbar Spaß. Ganz am Anfang gilt: Nicht aufgeben, kritikfähig sein und gut gemeinten Rat annehmen. Sich nicht von Absagen oder einem Nein verunsichern lassen, wenn es genau das ist, was man machen will. 

16114914_10155066806044155_923133475572086390_n

KinKats: Apropos – als Tätowiererin erfüllst du Kundenwünsche. Wie sehr kannst du dich und deinen eigenen Stil da mit einbringen?

Blandine: Ich habe das große Glück, dass ich eigentlich von Anfang an meine eigenen Sachen tätowieren konnte. Meine Kunden kommen zu mir, weil sie ein Tattoo in meinem Stil wollen. Die meisten Tattoos, die ich bisher gestochen habe, waren sogar Wanna-dos von mir. Ich freue mich aber immer sehr, wenn mir ein Kunde von seiner Idee erzählt und ich das Ganze dann in meinem Stil umsetzen kann.

KinKats: Ich habe noch nie jemanden tätowiert. Wie fühlt es sich an, wenn du jemandem zum ersten Mal die Nadeln unter die Haut jagst? 

Blandine: Gerade die ersten Male waren unfassbar für mich. Ich war so nervös, dass ich mich fast übergeben musste. Inzwischen ist das nicht mehr so schlimm. Der erste Strich oder Stich ist aufregend, danach merkt man, okay, es läuft. Ganz am Anfang war es sehr schwer für mich, zu wissen, dass man dem Menschen, der da liegt, gerade sehr weh tut.

queenofhearts

KinKats: Gibt es Motive, die du schon jetzt nicht mehr sehen kannst? Und was würdest du auf keinen Fall tätowieren?

Blandine: Eigentlich nicht. Ich freue mich im Moment über jedes Motiv. Wenn man zum Beispiel mehrere Motten macht, lernt man so viel, und jede wird ein bisschen anders. Was ich natürlich gar nicht stechen würde, wären rassistische Motive. Tribals kommen gar nicht in Frage oder Tattoomotive, die Leute aus dem Internet haben. Ich würde niemals etwas zu 100 Prozent übernehmen, das ist auch so etwas wie ein unausgesprochenes Gesetz unter Tätowierern: Niemals die Arbeit eines anderen kopieren. Für mich ist das absolut selbstverständlich, aber leider sieht das nicht jeder so streng. Was ich gar nicht mag, ist Schrift. Das liegt mir einfach nicht. 

KinKats: Lass uns über deine eigene Kunst sprechen. Ich liebe deine Frauengesichter und deine Bilder von Sphynx Katzen, deine Art, zu zeichnen. Was inspiriert dich?

Blandine: Das ist ganz unterschiedlich. Ziemlich oft sehe ich etwas auf der Straße, seien es nur Farben oder Formen, die mich inspirieren. Ganz oft lese ich Texte oder Liedtexte, in denen mich eine Stelle auf eine Idee bringt. Ansonsten, besonders was meine Frauen angeht, werde ich sehr von den 1900er bis 1930er Jahren inspiriert, von Stummfilmen oder Tänzerinnen, vom Schmuck, der Kleidung dieser Zeit, dem Schönheitsideal. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Opern und Theater eine große Rolle spielen, das heißt, ich habe schon von klein auf viel gesehen und mitgenommen. Das inspiriert mich bis heute.

KinKats: Wie würdest du deinen eigenen Stil definieren? 

Blandine: Ich finde es sehr schwierig, meinen Stil zusammenzufassen. Wenn ich es muss, sag ich immer: angelehnt an Neo Traditional. Einer meiner Kunden hat es mal sehr gut beschrieben: düster und trotzdem zart. Ich finde, diese Beschreibung passt eigentlich am besten.

KinKats: Du bist, wenn ich mich nicht irre, ein sehr spiritueller Mensch. Wirkt sich das auf deine Kunst aus?

Blandine: Für mich ist das immer ein bisschen mehr als nur ein Bild. Der Akt des Zeichnens selbst ist so fest in mir verankert, dass es für mich wie Therapie ist. Ich kann Gefühle, die in mir vorgehen, in Bilder und Zeichnungen packen und mich dadurch ausdrücken. Wenn wir jetzt vom Tätowieren sprechen würden – das ist natürlich nochmal sehr viel spiritueller für mich. Das Handwerk und die Kunst sind wie ein Ritual. Man kommt einem Menschen sehr nahe und verbringt Zeit mit jemandem. Man bringt etwas unter die Haut, das dem Menschen viel bedeutet. Wenn ich fertig tätowiert habe und das Tattoo sauber mache, lege ich meine Hände immer ein paar Sekunden auf das Tattoo – natürlich mit Tuch und in Handschuhen – und schließe die Augen. Für mich ist das eine Art Abschluss und Segnung. Das hört sich jetzt wahnsinnig hochgestochen an. Für mich ist das aber eine Art, dem Kunden eine gute Heilung zu wünschen und ihm positive Gedanken mit auf den Weg zu geben.

KinKats: Wenn ich mir deinen FB-Account so ansehe, wird schnell klar, wie viel dir Musik bedeutet. Welche Bands und Künstler sind dir wichtig?

Blandine: Ja, das hast du gut erkannt! Musik ist mir sehr wichtig und auch, wie oben schon erwähnt, eine große Inspirationsquelle. Mein Musikgeschmack ist sehr vielfältig, deswegen könnte ich jetzt eine Riesenliste aufzählen. Aber vielleicht mal die wichtigsten: Ghost ist meine Lieblingsband, und gerade sie verbildlichen für mich die düstere, theatralische Seite. Ihre Texte inspirieren mich sehr, auch schon für kleine Motive. Eine Band, die eher meine freieren Arbeiten, die nichts mit dem Tätowieren zu tun haben, beeinflusst, ist Tool. Wenn ich Tool höre, merke ich, wie meine Gedanken einfach aus mir rausfließen und ich Gefühle, durch die Musik oft sehr abstrakt, aufs Papier bringen kann.

BlandineDiotima3

KinKats: Was hörst du, wenn es dir nicht gut geht oder wenn du einfach wütend bist?

Blandine: Wenn es mir nicht gut geht und ich mich darin suhlen will, höre ich Chelsea Wolfe. Dumpfe Bässe und eine zarte Frauenstimme sind dann der perfekte Mix. Wenn ich will, dass es mir wieder besser geht, höre ich Lady Gaga. 
Wenn ich wütend bin, höre ich viel Black Metal.

KinKats: Hörst du Musik, wenn du zeichnest? 

Blandine: Wenn ich einfach für mich Kunst „produziere“, dann ja. Wenn ich an Motiven für Kunden oder Sachen für „die Arbeit“ sitze, höre ich Podcasts, Hörbücher oder schaue mir Dokumentationen an. Am liebsten Podcasts von kreativen Menschen und Künstlern, Thriller oder Dokumentationen über religiöse Themen wie Exorzismus, Sekten oder psychische Krankheiten.

KinKats: Und wenn du tätowierst?

Blandine: Im Studio läuft ein Rockradiosender. Ich finde das eigentlich ganz gut, weil ich mir dann keine großen Gedanken machen muss, wie mein Kunde die Musik gerade findet. Da ist, denke ich, am ehesten für jeden was dabei. Ich würde keine Ruhe finden, wenn ich meine eigene Musik mitbringen würde, weil ich ständig mit mir hadern würde, ob das gerade zu hart, zu weich, zu seicht, zu viel für meine Kunden ist. 

KinKats: Männliche Tätowierer sind die urbanen Sexsymbole der Moderne. Wie ist das für dich als Tätowiererin? Werden Girls in diesem Job genauso gehyped und beschwärmt?

Blandine: Ich selbst stehe ja erst am Anfang und habe das persönlich noch nicht so sehr erlebt. Aber was mir auffällt, ist, dass es viele Leute gibt, die sich explizit von weiblichen Künstlern tätowieren lassen wollen. Ich kann mir nicht erlauben zu sagen, dass mein Job immer noch von Männern dominiert wird. Gerade in den letzten Jahren sind mehr und mehr weibliche Tätowierer dazu gekommen, die auch sehr erfolgreich und beliebt sind. Man bekommt aber schon das Gefühl, dass, wenn jemand hört, dass man Tätowierer ist, die Leute anders mit einem umgehen. Als wäre es etwas total Cooles (na gut, ein wenig ist es das ja auch) und Exotisches.

KinKats: Wie wichtig ist dir dein Style? Wie fühlst du dich wohl? 

Blandine: Am besten alles in Schwarz. Mit den Jahren hat sich einfach rauskristallisiert, dass ich mich in farbigen Klamotten nicht wohl fühle. Ab und an versuche ich es doch, ziehe diese Sachen dann aber nie an. Gerade für die Arbeit ist es mir wichtig, dass ich mir keine großen Gedanken um mein Outfit machen muss. Sprich, eine schlichte Skinny Jeans und ein Bandshirt oder ein schlichtes, etwas weiteres T-Shirt ist zu meinem Arbeitsoutfit geworden. Tatsächlich denke ich da inzwischen sehr praktisch.

KinKats: Welches Kleidungsstück würdest du niemals hergeben und warum?

Blandine: Ich musste ein bisschen überlegen, aber dann ist es mir doch eingefallen. Ich habe, seit ich 16 bin, einen Kapuzenpulli einer Band, den ich als Teenager fast jeden Tag getragen hab. Das sieht man ihm auch an, er ist nämlich total zerschlissen, ausgewaschen und hat teilweise Löcher. Ich kann ihn nicht mehr tragen, aber er hat jeden Umzug mitgemacht, und ich kann mich von ihm, glaube ich, wirklich niemals trennen.

BlandineDiotima_6

KinKats: Was wird deine nächste eigene Tätowierung sein? 

Blandine: Meine Kollegin Sinah Ra und ich tätowieren uns sehr oft gegenseitig, wenn wir gerade beide mal keine Kunden haben oder wir etwas Neues ausprobieren wollen, also wahrscheinlich eine Kleinigkeit von ihr. Das nächste größere Projekt startet dann im März, da werde ich von meiner Lieblingstätowiererin Lorena Morato tätowiert .

KinKats: Wo siehst du dich selbst in ein paar Jahren?

Blandine Diotima: Ich hoffe natürlich, dass ich immer noch tätowieren werde. Das nächste Ziel wird es sein, meine Frauengesichter unter die Haut zu bringen. Mein großer Wunsch ist es, viele Guestspots in Deutschland, aber auch im Ausland machen zu können. Ich würde wahnsinnig gerne vor allem mal in Schweden tätowieren. Ich weiß nicht, ob das unrealistische Träume sind, aber das mit der Tattoo-Ausbildung hat ja auch schon geklappt 😉

KinKats: Blandine Diotima, du zauberhaftes Wesen. Hast du noch ein paar letzte warme Worte für unsere Leser? 🙂

Blandine: Erstmal einen riesen Dank an dich Mimi <3 Und ganz viel Liebe an die Menschen, die sich mein Interview durchgelesen haben. Schaut gerne mal auf meiner Facebook Seite oder meinem Instagram vorbei. Ich würde mich unfassbar freuen, einen von euch kennenzulernen und vielleicht auch tätowieren zu dürfen. 

2 Responses
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *