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Dropkick Murphys: Geschichten von Schmerz und Ruhm

Ein Interview von Mael Rose.

„Let‘s go, Murphys!“ – ein unsterblicher Schlachtruf, der seit mittlerweile zwei Dekaden jede High-Energy-Show der Bostoner Celtic Punkrocker einläutet. Vier Jahre nach Veröffentlichung ihres letzten Longplayers melden sich die Dropkick Murphys nun mit ihrem achten Studioalbum zurück: Auf „11 Short Stories Of Pain & Glory“ präsentiert sich die feierwütige Truppe von der amerikanischen Ostküste diesmal von einer ungewohnt ernsten Seite. KinKats traf Frontmann Al Barr und Gitarrist Tim Brennan zum Sechs-Augen-Gespräch. 

KinKats: Ihr konntet im vergangenen Jahr euer 20. Bandjubiläum feiern. Ist „11 Short Stories Of Pain & Glory“ nun als verspätetes Anniversary-Album gedacht?

Al Barr: Nein, auf keinen Fall! Wir sind extrem abergläubisch und haben zum Bandjubiläum ganz bewusst keine neue Platte rausgebracht. Statt uns auf ein neues Album zu konzentrieren, haben wir lieber auf die letzten 20 Jahre zurückgeschaut und eine Anniversary-Tour mit den besten Songs aus dieser Zeit gespielt. Ein Blick auf das Erreichte ist manchmal auch ganz schön. Die einzige große Ausnahme war, dass wir neben Liedern, die es eine ganze Ewigkeit nicht mehr live zu hören gab, auch schon ein paar der neuen Stücke gespielt haben. Das tun wir sonst nie. 

KinKats: Habt ihr dann zumindest eine fette Bandparty für euer Friends- und Family-Umfeld geschmissen?

Tim Brennan: Wir haben während der Tour ein wenig gefeiert. Aber es gab kein großes Dinner oder Ähnliches. Wir waren bei den Shows extrem überrascht, im Publikum so viele Gesichter zu entdecken, die uns nun schon so lange begleiten. Mittlerweile bringt die aller erste Dropkick Murphy Fangeneration schon ihre Kinder zu den Auftritten mit. Das ist eine echt coole Sache. 

KinKats: Gibt es Pläne eurer eigenen Kinder, irgendwann in die Band einzusteigen?

Al Barr: Meine Kids wollen mich schon seit Jahren mit auf Tour begleiten. Mein ältester Sohn, Strummer, bittet mich jedes Mal, ihn endlich mitzunehmen. Doch das wäre wohl noch etwas früh für ihn. Außerdem ließe mich das total alt aussehen.

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KinKats: Für die Aufnahmen zu eurem neuen Album „11 Short Stories Of Pain & Glory“ habt ihr erstmalig ein Studio außerhalb eurer Heimatstadt Boston gewählt. Warum der Tapetenwechsel?

Tim Brennan: Wenn man zu Hause aufnimmt, erliegt man sehr leicht der Versuchung, früher Feierabend zu machen und nach Hause zu gehen, wenn es nicht so läuft, wie man es erwartet. Wenn man weit entfernt aufnimmt und dann auch noch zusammen auf einer Ranch irgendwo in der Einöde wohnt, muss man sich seiner Aufgabe gezwungenermaßen stellen und so lange rumprobieren, bis es wieder funktioniert. Wir haben im texanischen El Paso in den berühmten Sonic Ranch Studios aufgenommen. Dort draußen gibt es absolut keine Ablenkungen, so dass man den Kopf automatisch für neue Ideen frei hat. 

Al Barr: Man fällt morgens aus dem Bett, frühstückt und steht nach ein paar Metern über den Hof im Studio. Und ehe man auf die Uhr schaut, ist es schon wieder Mitternacht – Zeit, schlafen zu gehen. So ging es eine ganze Weile. Man konnte sich vollkommen auf die Musik konzentrieren und wurde nicht aus diesem besonderen, kreativen Schaffensprozess rausgerissen. Zu Hause in Boston hätte das in unserem gewohnten Umfeld nicht funktioniert. Die größte Herausforderung für eine Band, die 20 Jahre existiert, ist, sich nicht zu wiederholen. Ich glaube, das haben wir bisher ziemlich gut vermeiden können. 

KinKats: Eine trinkfeste Celtic Punkrock-Truppe aus New England in der texanischen Wüste – klingt eigentlich nicht sehr kompatibel!

Al Barr: Doch, es hat ganz gut funktioniert! Wir hatten auch in der Wüste eine Menge Spaß. Eines Nachts wachte ich von lauten Gewehrschüssen auf. Ich sprang auf und sah Tony, den Studioboss, mit einer Flinte über den Hof laufen. Er meinte am nächsten Tag, er wäre auf Wildkatzenjagd gegangen. Diese Bestien haben einem nachts öfters aufgelauert, wenn man nach den Aufnahmen noch einen kleinen Spaziergang machte. Plötzlich sind sie in der Dunkelheit aufgetaucht und haben einen bedrohlich aus dem Dickicht heraus angefaucht…

Tim Brennan: Schon am ersten Tag habe ich beobachtet, wie eine dieser Wildkatzen ein Eichhörnchen vor meinen Augen in Stücke riss. Kein schöner Anblick… Wir waren auch nicht die einzige Band, die gerade dort aufnahm. Ständig sind uns andere Gruppen über den Weg gelaufen, die in anderen Studios mit ihren Aufnahmen beschäftigt waren. 

KinKats: Irgendwelche Tex Mex Einflüsse lassen sich in den neuen Songs jedoch nicht raushören!

Tim Brennan: Das stimmt. Es gab einen Song, in dem wir ursprünglich ein paar Mariachi-Elemente eingebaut hatten. Doch das war uns am Ende zu kitschig, so dass wir den Teil wieder rausgeschmissen haben. 

KinKats: Mit der ersten Single „Blood“ bedankt ihr euch bei euren Fans für die langjährige Treue.

Al Barr: Das Stück ist einerseits ein Dankeschön und blickt gleichzeitig auf unsere Anfänge zurück. Als die Dropkick Murphys gegründet wurden, waren die Mitglieder nicht gerade die beliebtesten Bürger Bostons. Wir wurden damals sehr stiefmütterlich behandelt. Bostons Bürgermeister und seine Leute hassten die Dropkick Murphys aus ganzem Herzen. Sie schickten Aufsichtsbeamte zu jeder unserer Shows, und sobald es nur den klitzekleinsten Verstoß gegen irgendwelche behördlichen Auflagen gab, drehten sie uns sofort den Strom ab! Als unser großer Hit „I‘m Shipping Up To Boston“ mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde, ließ ich unserem Bürgermeister einen eigenen Award anfertigen, den wir ihm während einer großen Zeremonie vor geladener Presse feierlich in einer Bar übergeben haben. Er war so „gerührt“, dass er diese besondere Auszeichnung später einfach dort „vergaß“… 

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KinKats: Politisch gesehen, läuft es momentan bei euch in den Staaten nicht so richtig rund.

Al Barr: Die letzten Wahlen waren damit vergleichbar, sich zwischen einem Hirntumor und Magenkrebs zu entscheiden. Wobei das eine dich etwas langsamer tötet. Das amerikanische Volk hat sich für die langsamere Art entschieden. Hillary hätte im Falle ihrer Wahl auf jeden Fall weiter Krieg geführt. Wenn sechseinhalb Millionen Anhänger der demokratischen Partei für die Republikaner stimmen, ist das ein deutliches Zeichen gegen dieses völlig kaputte System. Nichts desto trotz wäre Bernie Sanders in meinen Augen die beste Wahl gewesen. Jetzt haben wir die Quittung bekommen. Wir müssen das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein.

KinKats: Die momentane Weltlage spiegelt sich auch deutlich auf dem neuen Album wider, auf dem ihr euch auf Stücken wie „Rebels With A Cause“, „4 15 13“ oder „We‘ll Meet Again“ ziemlich ernst und gar nicht in bekannter Feierlaune präsentiert. Eine neue Seite?

Al Barr: Wir sprechen zwar über sehr traurige Dinge, trotzdem wollen wir Hoffnung vermitteln. Auch in schlechten Zeiten ist nichts verloren, wenn man weiterhin fest an die gute Sache glaubt. Amerika hat ein gigantisches Heroin-Problem. Jeden Tag krepieren unzählige Menschen an dem Zeug. Das sprechen wir auf „Rebels With A Cause“ an. „4 15 13“ handelt von dem Bombenattentat beim Boston Marathon vor ein paar Jahren. Wir thematisieren diese Scheiße und wollen, dass man darüber spricht. 

Tim Brennan: Jeder von uns führt seinen eigenen Kampf und versucht, so gut er kann, durchs Leben zu kommen. Mit dem Lied „We‘ll Meet Again“ endet das Album ziemlich positiv. Es sagt aus, das auch die größte Scheiße irgendwann einmal vorüber geht. Mit dieser Einstellung lässt es sich ganz gut leben.

Das neue Album der Dropkick Murphys, „11 Short Stories Of Pain & Glory“, erschien am 6. Januar. Ab Ende Januar sind die Dropkick Murphys wieder live in deutschen Hallen zu sehen.

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