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Jon Davis von Korn: Ich wünschte, ich könnte jemand anderes sein

Ein Interview von Mael Rose.

Kaum eine andere Band hat den modernen amerikanischen Rock und Metal ab Mitte der 90er ähnlich stark geprägt, wie die Bakersfielder New-Rock-Pioniere von Korn. Auf ihrem neuen Album „The Serenity Of Suffering“ kehren die Gitarristen James „Munky” Shaffer und Brian „Head” Welch, Bassist Reginald „Fieldy” Arvizu, Drummer Ray Luzier und Shouter Jonathan Davis nun zu alter Aggro-Bestform zurück. Ein sehr persönliches Gespräch mit Korn-Mastermind Jon Davis. 

KinKats: Du erzählst auf Songs wie „Everything Falls Apart“ oder „Die Yet Another Night“ wieder von sehr schmerzhaften persönlichen Erfahrungen wie Einsamkeit, Enttäuschung, Existenzangst. Was war der schmerzvollste Augenblick während der Aufnahmen?

Jon Davis: Es gab nicht den einen schmerzvollen Augenblick. Der ganze Making-Of-Prozess war ziemlich anstrengend. Es gab eine Menge Probleme, von ganz persönlichen Schwierigkeiten bis zu Problemen mit dem Songwriting. Ich hatte mit einer hartnäckigen Schreibblockade zu kämpfen und musste die Arbeiten zweimal abbrechen, weil ich einfach nicht mehr konnte.  

KinKats: Geht es dir heute besser?

Jon Davis: Hell yeah! Ich stelle mich meinen Dämonen, indem ich über sie singe. Jeder Song ist ein kleiner Triumph über mich selbst. Und zusätzlich habe ich meine Liebe zur harten Musik wieder gefunden. Das ist ein großartiges Gefühl.

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KinKats: Der Song „Please Come For Me“ klingt im ersten Moment nicht wirklich positiv – tatsächlich hat er aber eine der hoffnungsvollsten Aussagen auf der ganzen Platte.

Jon Davis: Ich sage darin: Kommt doch alle her und versucht, euch mit mir anzulegen. Ich mache euch alle fertig, egal, was passiert! Das ist der Höhepunkt des Albums. Ich habe letztendlich alle Hürden genommen und alle Feinde besiegt. Ich triumphiere über all den Bullshit wie Schreibblockaden, Selbstzweifel und die vielen anderen negativen Dinge. Ich hatte bei den Aufnahmen zu einer Platte noch nie so große Probleme wie diesmal – aber dafür habe ich ein Album auch noch nie so geliebt wie das hier!

KinKats: Trotzdem ist deine Selbsttherapie noch lange nicht abgeschlossen.

Jon Davis: Nein. Diese Lieder stellen die einzige Art dar, mit mir selbst klarzukommen. Ich wüsste nicht, auf welche andere Weise ich diesen Scheiß verarbeiten sollte. Doch natürlich gibt es noch eine andere Seite: Ich bin nicht jeden Tag depressiv und am Boden. Ich spiele mit meinen Kindern und albere mit ihnen herum. Ich kann nicht zulassen, dass sie mitbekommen, wie mies es ihrem alten Herrn oftmals geht. Das thematisiere ich natürlich nicht in den Stücken. Meine Kunst reflektiert ausschließlich die andere, dunkle Seite. 

KinKats: Den Song „Take Me“ hast du aus der Sicht einer Droge geschrieben, die den Konsumenten auffordert, zuzugreifen.

Jon Davis: Das Stück stammt aus 2007, als ich mein Soloalbum rausgebracht habe. Die Idee zum Text wurde durch den Country-Song „Alcohol“ inspiriert. Ich fand diese Sicht der Dinge ziemlich cool und habe eine eigene Version gemacht, die für mich besser passt. Ich erzähle hier aus direkter Erfahrung, was ich durchgemacht habe. Ich habe kürzlich mein 18. Jubiläum gefeiert – 18 Jahre, in denen ich nichts angefasst habe. Das ist einer der Dämonen, der mich ständig verführen will. Selbst heute ist es noch schwer für mich, wenn ich ein eisgekühltes Corona-Bier sehe oder ein schönes Glas Jack Daniels mit Cola. Manchmal juckt es mich noch. Ich höre das ganze schlechte Zeug meinen Namen rufen. Es spricht mit mir und versucht, mich zu verführen. 

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Foto: Jimmy Fontaine

KinKats: Wärst du manchmal gerne jemand anders? Ein Urlaub von Jonathan Davis?

Jon Davis: Fuck ja. In jeder Sekunde. Ich wünschte mir, ich könnte Jonathan Davis einfach so ausschalten und jemand anderes sein. Wieder ausgehen, nicht mehr nachdenken, Party machen, mich richtig gehen lassen und all die wilden Dinge tun, die andere Leute machen. Doch so funktioniere ich leider nicht. Ich kann nicht ausgehen und es bei einem einzigen Drink belassen. Wenn ich trinke, dann richtig. Maßlos, ohne Ende. Also lasse ich es von vornherein sein. 

KinKats: Was gab den Ausschlag für diesen Sinneswandel?

Jon Davis: Meine drei Söhne sind der Grund, weshalb ich heute clean bin. Mein ältester, Nathan, hat mich mit drei Jahren eines Nachts dabei beobachtet, wie ich komplett besoffen nach Hause kam. Er war unendlich geschockt und hatte richtig Angst vor mir. Ich habe mich in diesem Moment wie ein echtes Stück Scheiße gefühlt. Seitdem habe ich nichts mehr angerührt. Mein großes Ziel ist es, diese drei großartigen Gentlemen aufzuziehen und ihnen die ganze Welt zu zeigen. Und ich will dazu beitragen, dass andere Menschen sich ihren eigenen Problemen stellen und sie überwinden. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich mit Korn Musik mache. 

KinKats: Auf dem Song „A Different World“ hast du dir Slipknot-Frontmann Corey Taylor ins Studio geladen. Was verbindet dich mit ihm? 

Jon Davis: Wir sind sehr gute Freunde. Er hat mir in der Vergangenheit schon ein paar Mal den Arsch gerettet, als wir zusammen in Europa auf Tour waren: Ich litt damals an dieser lebensbedrohlichen Blutkrankheit, die mich teilweise zum Abbruch der Show zwang. Er kam auf die Bühne und hat mit der Band ein paar Songs performt und dazu beigetragen, dass wir unser Gesicht wahren konnten. Es hat sich einfach angeboten, einen gemeinsamen Song mit ihm zu machen. 

Das aktuelle Korn-Album „The Serenity Of Suffering“ ist am Freitag bei Warner Music erschienen. Hier könnt ihr es bestellen. Im kommenden Frühjahr sind die Amerikaner gemeinsam mit Hellyeah und Heaven Shall Burn auf Tour durch deutsche Hallen zu sehen.

Großes Foto oben: Dean Karr

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