Photo Credit: Frank Maddocks

Neues von Green Day oder: My name is Billie and I’m freaking out!

Interview von Mael Rose.

„Basket Case“, „Boulevard Of Broken Dreams“ oder „Know Your Enemy“ – seit fast 30 Jahren sorgen Green Day immer wieder für jede Menge launiges Punkrock-Futter. Nach ihrer Aufnahme in die berühmte Rock And Roll Hall Of Fame, legen Bassist Mike Dirnt, Drummer Tré Cool und Frontmann Billie Joe Armstrong nun mit „Revolution Radio“ ihr zwölftes Studioalbum vor, auf dem das US-Trio wieder Klartext spricht. Wir haben uns mit Sänger Billie Joe Armstrong getroffen und ihn zur aktuellen politischen Lage in den USA, seiner wilden Jugend, Donald Trump und seinem Psychiater befragt.

KinKats: Billie Joe, viele der neuen Songs lassen sich als direkte Reaktion auf die krisengeschüttelten Zeiten interpretieren, in denen wir gerade leben.

Billie Joe Armstrong: Richtig. Eine Menge spiegelt das wider, was ich von der Welt wahrnehme. Gerade während des momentanen Wahlkampfes ist bei uns in Amerika die Hölle los. Alle werden gegeneinander aufgehetzt, dazu kommen noch die schlechte Wirtschaft, Terrorismus und der ständige Hass im Internet. Wir leben in einer sehr unsicheren, instabilen Welt, die uns so langsam alle paranoid macht. 

KinKats: „Revolution Radio“ hat viele inhaltliche Parallelen zu eurem 2004er Longplayer „American Idiot“, der damals ebenfalls im Wahlkampf veröffentlicht wurde und ein beunruhigendes Bild von der amerikanischen Bevölkerung zeichnete. Ist die neue Platte im gleichen Geist entstanden?

Billie Joe: Sicher gibt es zwischen diesen beiden Platten Gemeinsamkeiten. Der wohl größte Unterschied ist, dass „Revolution Radio“ zwölf Jahre Jahre später erscheint. In gewissem Sinne ist „American Idiot“ heute vielleicht sogar noch aktueller als zum damaligen Releasezeitpunkt.

KinKats: Gerade für viele Künstler ist Donald Trump heute der Inbegriff des „American Idiot“…

Billie Joe: Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und ihn als Comicfigur bezeichnen, wie sie amerikanischer nicht sein könnte. In meinen Augen ist er ein „American Cartoon“. Ich bin nicht davon überzeugt, dass er tatsächlich Präsident werden will. Er ist süchtig nach der seltsamen TV-Realität, die er sich selbst geschaffen hat. Er tut im Grunde nur das, was er am besten kann: Er bewirbt seine eigene Marke – Donald Trump. Je absurder und verletzender die Dinge sind, die er von sich gibt, desto größere Wellen schlägt das alles. Besonders im konservativen Lager. 

KinKats: Hast du Angst vor dem Wahltag im kommenden November?

Billie Joe: Vielleicht. Der Ausgang lässt sich momentan schwer vorhersagen. Es gibt an Donald Trump nichts Gemäßigtes. Er vertritt die Extreme. Die Dinge sind für ihn entweder schwarz oder weiß. Doch das hat zum Glück auch eine gute Seite: Es gibt eine gigantische Masse von Leuten, die er mit seinen seltsamen Thesen nicht hinters Licht führen kann.

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Fotos (2): Frank Maddocks

KinKats: Nach den letzten drei eher gemäßigten Platten präsentiert ihr euch auf „Revolution Radio“ wieder extrem angriffslustig.

Billie Joe: Die Songs handeln diesmal von den Menschen in Flint, Michigan, wo die Einwohner von der Industrie verseuchtes Grundwasser trinken müssen. Oder von jungen Schwarzen, die grundlos von weißen Polizisten erschossen wurden und von den folgenden Protesten in Ferguson, New York und vielen anderen Städten. Die Single „Bang Bang“ beschäftigt sich mit dem Wahnsinn einer Massenschießerei: Wie jemand so psychotisch sein kann, sich seine eigene Rechtfertigung auf Facebook zurecht zu legen, um danach loszuziehen und wahllos Menschen umzubringen. Daneben gibt es auch persönlichere Stücke wie „Still Breathing“, auf dem ich davon spreche, mich manchmal wie ein Überlebender zu fühlen. Ich habe meine wilde Jugend überlebt, ich habe meine 30er überlebt, in denen wir unfassbaren Erfolg hatten, und jetzt stehe ich hier. Mein Leben ist heute seltsamer als je zuvor, und ich bin immer noch dabei zu lernen, wie ich damit umgehen soll.

KinKats: Bist du überrascht, dass du diesen verrückten Rockn’Roll-Zirkus überlebt hast?

Billie Joe: Definitiv. Je älter man wird, desto mehr weiß man das Leben zu schätzen, das man führt. Dir wird bewusst, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann und dass man vorsichtig damit umgehen muss. Als junger Mensch habe ich sehr rücksichtslos gelebt. Wenn man jung ist, betrachtet man den Tod aus der Entfernung. Fast kommt einem der Tod wie eine Option vor, die man wählen kann oder nicht. Je älter man wird, desto bewusster wird einem aber, dass man es sich nicht aussuchen kann, und man muss der traurigen Realität ins Auge sehen, dass man eines Tages sterben wird. Ob man will oder nicht. 

KinKats: Du bist jetzt 44 – hast du heute einen besseren Durchblick als mit 22?

Billie Joe: Absolut nicht. Jedes Mal, wenn man denkt, man hätte endlich kapiert, worum es im Leben geht, passiert wieder etwas, was die ganze Theorie komplett über den Haufen wirft. Zehn Jahre später denkt man wieder, jetzt endlich die ultimative Erklärung zu haben. Doch Pustekuchen! Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass Leben Chaos bedeutet. Es gibt zwischendurch Momente, in denen man glaubt, den Durchblick zu haben. Aber kurze Zeit später muss man wieder einsehen, dass man im Grunde gar nichts weiß. Das hat mich sehr demütig gemacht. Ich bin dankbar dafür, dass ich tun darf, was ich tue und dazu noch tolle Menschen um mich herum habe. Ich habe aber erkannt, dass ich nicht so clever bin, wie ich dachte. Die erste Zeile auf der neuen Platte ist ziemlich symbolträchtig: „I’m running late to somewhere now that I don’t want to be“: Ich bin gelangweilt, mein Leben birgt keine Überraschungen mehr. Alles ist Routine. Warum soll ich aufstehen? Warum soll ich mich anziehen? Es passiert doch eh nichts. Gefühle, die wohl jeder von uns kennt. Ob man zum Zahnarzt geht, zur Arbeit, zur Schule oder zum Psychiater…

Kinkats: Wen siehst du öfter: Deinen Zahnarzt oder deinen Psychiater?

Billie Joe: Definitiv nicht meinen Zahnarzt, ich habe ziemlich gute Zähne. Wobei ich auch selbst mein bester Therapeut bin. In „Forever Now“ heißt es: „My name is Billie and I’m freaking out“ – die wohl ehrlichste Zeile, die ich je geschrieben habe. Ich habe unterbewusst in ein paar Wörtern eingefangen, was gerade in mir vorging. Ich wusste nicht, was ich ausdrücken wollte, also habe ich einfach das aufgeschrieben, was mir in den Sinn kam.

Das Album „Revolution Radio“ erscheint am 7. Oktober bei Warner Music. Hier könnt ihr es bestellen.

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