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Apologies, I Have None: Pharmacie – Konfrontationstherapie

Review von Laura von Tango

Josh McKenzie geht es nicht gut. In den letzten beiden Jahren hat sich nicht nur für seine Band Apologies, I Have None viel geändert, sondern auch einiges in Josh McKenzies Privatleben. Sein bester Freund, Dan Bond, verließ die Band im Februar 2014, Bassist PJ Shepard folgte, und Josh und seine langjährige Freundin beschlossen, nach neun gemeinsamen Jahren ihre Beziehung zu beenden. McKenzie, der ohnehin eine Neigung zum Dunklen, Grüblerischen in sich trägt, benötigte Hilfe, um mit eben diesem Wesenszug weiterhin koextistieren zu können. 

Entsprechend heißt die neuste Apologies, I Have None Erscheinung „Pharmacie“. McKenzie beschreibt in Interviews, dass pharmazeutische Intervention ihm mehr entspricht als Verhaltens- oder Gesprächstherapie. Eine solche Erkenntnis – und der offene Umgang damit – verlangen Introspektion und Mut. Beides ist auf „Pharmacie“ reichlich zu finden. 

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Generell fällt beim ersten Hören eine Zurückhaltung im Vergleich zu früheren Platten auf. Weniger frontal, weniger brachial ist der Einstieg in die meisten Tracks, und oft erfolgt auch kein Aufschwung dieser Aspekte über die volle Länge der Songs. Klar im Vordergrund steht McKenzies Stimme, die wie gewohnt rau und ehrlich, aber auch verletzlicher und weniger defensiv daherkommt. Four-Letter-Word-Orgien bleiben größtenteils aus, doch textlich ist „Pharmacie“ nicht weniger aufrüttelnd als seine Vorgänger. Die Instrumentalisierung ist geschickt eingesetzt, um atmosphärisch McKenzies Botschaften zu transportieren. Der Kontrast zwischen pathosarmen, klar präsentierten Textzeilen wie „Why the fuck am I like this“ und beinahe poppiger Instrumentalisierung lässt Songs wie den Opener „Love And Medication“ dennoch funktionieren. Der folgende Track „Wraith“ unterstreicht, was oft und zu Recht an Apologies, I Have None bewundert wird: Der unerschrockene Wille, die qualvollsten Aspekte einer Erfahrung zu sezieren. 

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„What the fuck did I wake up for“ ist eine Frage, die sich wohl jeder schon einmal gestellt hat. Der Terror zwischen Apathie und Wut, der durch wochenlange Konfrontation mit dieser Frage wächst, wird durch drängende Gitarren und drohende Drums verbildlicht. Und Apologies, I Have None lassen nicht locker. Daher schmerzen einige Songs und einzelne Textzeilen in ihnen tatsächlich fast schon physisch. 

„I guess nothing lasts“, vermutet Josh McKenzie fast schon flüsternd in „Everybody Wants To Talk About Mental Health“, einem Song, der die Problematik der festgefahrenen Therapieansätze im Bezug auf McKenzies Einstellung zur Gesprächstherapie noch einmal aufgreift. Darüber hinaus stellt er klar, wie einsam man sich in Zeiten fühlen kann, in denen ausschweifende Unterhaltungen über die eigenen Probleme als Patentlösung gelten, einem das Reden über die eigenen Befindlichkeiten jedoch nie lag. 

Mit diesem Zerwürfnis wird die zweite Hälfte des zehn Tracks langen Albums eingeläutet, auf der sich wohl auch Fans, denen die dunkle, ruhigere Gangart bisher befremdlich schien, langsam etwas heimischer fühlen könnten. Um darüber nicht zu viel Wohlfühlen aufkommen zu lassen, führen die Worte „This confession has meant nothing (…) nothing is redeemed. I’ve gained no deeper knowledge of myself“ in den letzten Track des Albums „A Pharmacy In Paris“ ein. Ausgewogen vermischen sich hier die im aktuellen Album neugefundenen Wege mit Bewährtem. Als der Song verklingt, spürt man ansatzweise, was selbst eine Stunde in der Hölle, die krankhafte Angst und Depressionen sind, anrichten kann. Ein unangenehmes, aber dadurch umso wichtigeres Gefühl. 

Apologies, I Have None betreten mit „Pharmacie“ einen Weg weg von in der Musikwelt allzu bekannten Herzschmerzmetaphern, hin zu einem Thema, das gerade aufgrund seiner globalen und individuellen Relevanz wohl mehr Songs beeinflusst, als man vermuten mag. Das zeigen sie mit ihrem neuen Album authentisch und kraftvoll auf. Alles Gute, Josh McKenzie. 

Apologies, I Have None: Pharmacie
Uncle M Music
August 2016
10 Tracks
Apologies, I Have None bei Facebook

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