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Einmal zuhacken, bitte: So läuft’s bei der Tätowiersitzung

Als ich Sebastian vor vier Jahren zum ersten Mal begegnete, machte ich mir vor Angst fast in die Hose. Nicht, dass Sebastian besonders furchteinflößend wäre, gemein, creepy oder generell ein unangenehmer Zeitgenosse. Im Gegenteil. Sebastian ist groß, höflich, ein „Schlaks“, er redet viel und schnell, lacht gerne und ist – inzwischen – mein Tätowierer. Als wir uns zum ersten Mal in seinem Studio in Berlin-Friedrichshain, dem Lowbrow Tattoo Parlour, gegenüber saßen, hatte ich Angst, er könnte mich nicht mögen. Dabei hatte ich ihn heimlich bereits zu dem Mann auserkoren, der mir den Hals würde tätowieren dürfen.

Ich hatte damals bereits seit zwei Jahren nach einem Tattooartist gesucht, dessen Stil zu mir passt und dessen Werk ich für immer und alle Zeit auf dieser sehr exponierten Stelle tragen wollte. Als ich Sebastian, der mit vollem Namen Sebastian Domaschke heißt, bei Instagram fand, konnte ich nicht aufhören, die Fotos der Tätowierungen, die er anderen verpasst hatte, anzuglotzen. Kräftige Outlines und Farben, reduzierte Zeichnungen, eine sehr präsente Symbolik. Genau das wollte ich. „Aber was, wenn der mich nicht mag?“, fragte ich mich. Denn mir war klar, dass das mit der Halstätowierung nur etwas werden würde, wenn der Tätowierer und ich gut miteinander könnten.

Wir konnten gut miteinander.

Inzwischen sind wir so etwas wie Buddys, und ich trage jeden hart ersparten Cent ins Lowbrow Tattoo Parlour, scheiß auf Urlaub, scheiß auf Chloé Bag. Dann doch lieber ein neues buntes Kleinod aus dem Hause Domaschke.

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So auch an diesem Tag im Juli. Nachdem mein Oberkörper schon relativ zugehackt ist, nehmen wir uns heute mein rechtes Schienbein vor: Hänsel und Gretel sollen es werden, ein Märchenmotiv.

Obwohl ich nach 20 Jahren Tätowierkarriere genau weiß, was auf mich zukommt, bin ich vor dem Termin aufgeregt. Gewissenhaft rasiere ich mir die Beine, keine Creme. Was ziehe ich an? Ich entscheide mich für ein langes Kleid, das lässt sich gut beiseite halten, wenn mein Bein tätowiert wird. Kleiner Tipp am Rande: Die Klamottenwahl spielt beim Tätowiertwerden eine nicht unwichtige Rolle. Hätte ich mich in meine liebste Skinny Jeans geschossen, deren Beine zu eng sitzen, um sie entspannt für die Dauer der Tätowiersitzung hochzukrempeln, müsste ich sie ausziehen und säße dann womöglich im Star-Wars-Schlüppi da. Nicht, dass mir das nicht schon passiert wäre…

Heute aber bin ich vorbereitet!

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Als ich ankomme, drückt mich Sebastian, wir freuen uns ‘nen Affen, quatschen über dies und das. Dann zeigt er mir den Entwurf für mein Motiv – perfekt, ich liebe es sehr, genau so bitte einmal auf mein Schienbein stechen, danke.

Was aber passiert genau beim „Stechen“? Beim Tätowieren wird eine speziell dafür geeignete Farbe (bitte vergesst den Mythos vom Autolack in der Tätowierfarbe, das ist nichts als Humbug) in die zweite Schicht der Haut, die so genannte Lederhaut, eingebracht. Der Tätowierer muss dabei die geeignete Einstichtiefe abschätzen – zu tiefe Einstiche verletzen die Haut, sticht er nur oberflächlich in die Epidermis, die oberste Hautschicht, wird das Tattoo verblassen oder gar ganz „abfallen“. Auch die Stärke der Tätowiernadeln ist so eine Sache und hängt unter anderem von der Beschaffenheit eurer Haut und davon ab, wie dick zum Beispiel die Outlines, die Konturen eures Tattoos, werden sollen. 

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Ist alles besprochen, reinigt und desinfiziert der Tätowierer die zu tätowierende Stelle und bringt den Stencil auf, eine Art Butterbrotpapierzeichnung eures Wunschmotivs, das so auf eure angefeuchtete Haut „kopiert“ wird. Dieser Vorgang kann Dutzende Male wiederholt werden, so lange, bis das Motiv perfekt sitzt. Ein guter Tätowierer achtet zum Beispiel außerdem immer darauf, wie die Tätowierung in Bewegung aussieht, nicht, dass aus der sexy Pin-Up-Lady auf eurem Bauch ein unförmiger Klumpen wird, sobald ihr euch mal dreht und wendet. Und: Ein guter Tätowierer ist ehrlich und wird euch davon abhalten, euch hässliche Gurken oder Motive, die nicht zu eurer Persönlichkeit oder eurem Körper passen, stechen zu lassen. Ihr solltet einen solchen Hinweis nicht als beleidigend, sondern vielmehr als konstruktive Kritik aufnehmen.

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Dann geht es los. Nachdem wir die passende Stelle für mein Märchenpaar gefunden haben, startet Sebastian die Tätowiermaschine. „Bereit?“, fragt er, ich nicke. Aber sowas von. Vorsichtig beginnt er mit der ersten Linie, ich atme tief ein und aus, um mich an das Gefühl zu gewöhnen. Ob so eine Tätowierung nicht irre wehtut, werde ich oft gefragt. Nun, es kommt auf die jeweilige Körperstelle an und darauf, wie schmerzempfindlich ihr seid. Bei mir hält sich der Schmerz meist in Grenzen, im Gegenteil, ich genieße den Akt des „Bemaltwerdens“ sehr. Es ist ein Ritual, das mir hilft, mich mit mir und meinem Körper intensiv auseinander zu setzen. Doch nicht allen geht es so wie mir. Für viele gehört eine betäubende Salbe, zum Beispiel Emla Creme, zur Tattoositzung wie das Nutellatoast zum Frühstück. Und tatsächlich können solche Salben den Schmerz abdämpfen und lindern, doch schwemmen sie unter Umständen auch die Haut auf, so dass das Einbringen der Farbe erschwert wird und die Tätowierung schlechter abheilt. Lasst euch dazu unbedingt von eurem Tätowierer beraten. Was mir persönlich hilft, ist, wenn der Tätowierer nicht zu „trocken“ tätowiert, sondern zwischendurch immer wieder mit einem in Vaseline getunkten Tuch über die Baustelle streicht und so alles etwas weicher und schmusi macht. Ist jedoch Ansichtssache, der eine Tätowierer schwört auf dieses Nachwischen, der andere findet, es behindert beim Stechen.

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Nach zwei Stunden spüre ich, wie sich meine Konzentration langsam verflüchtigt und ich fahrig werde. Ich spüre den Schmerz jetzt deutlicher, finde ihn aber noch immer gut zu ertragen. Perfekt, denn es ist gerade mal Halbzeit. Während Sebastian mich tätowiert, sehe ich ihm bei seiner Arbeit zu, wir hören Musik und reden, reden, reden. Nach fast vier Stunden sind Hänsel und Gretel fertig, ich auch. Und glücklich bin ich. Die Tätowierung „suppt“, Blut und Schweiß vermischen sich auf meiner Haut zu einer unappetitlichen Brühe. Kein Wunder, immerhin ist jede Tätowierung eine Art Wunde, eine Verletzung der Haut, die heilen muss. Sebastian säubert mein Bein, schmiert Hänsel und Gretel mit Vaseline ein und schießt dann noch ein Foto für sein Portfolio.

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Am Ende des Tages sind wir alle, Sebastian, Hänsel, Gretel und ich, am Ende, müde, aber zufrieden und noch ziemlich aufgekratzt. So bald ich kann, komme ich wieder.

Noch einige Tipps für Tätowieranfänger:

Lasst euch Zeit bei der Suche nach eurem Motiv. Gute Inspiriationsquellen bietet Instagram, eine von Tätowierern gerne genutzte Plattform zur Präsentation ihrer Arbeit. Aber auch Pinterest hat mich schon auf so manche Idee gebracht. Und last but not least: Mundpropaganda. Deine beste Freundin hat dieses wunderschöne Mandalamotiv? Frag sie nach ihrem Tätowierer, vielleicht kann der dir etwas ähnlich Schönes zaubern.

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Such dir das richtige Studio aus! Du musst dich wohlfühlen, denn tätowiert zu werden, ist ein körperlich wie psychisch anstrengender Akt. Schau dich um, besuche mehrere Studios, achte darauf, ob alle Hygienestandards eingehalten werden und ob gute Musik läuft! 🙂

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Lass dich nicht übers Ohr hauen! Die meisten Tätowierer verlangen einen Stundenlohn von 100 bis 150 Euro. Das ist fair und dem Aufwand angemessen. Natürlich gibt es auch immer wieder Stars der Szene, die mehr verlangen, aber wenn man sich nun mal in die Arbeit eines Tattoo Artists verliebt hat, zahlt man das gerne.

Seriöse Tätowierer tätowieren keine Minderjährigen. Ab und an ist es möglich, als U-18-Jähriger mit Mama oder Papa ins Studio zu kommen und eine schriftliche Einverständniserklärung vorzulegen. Ob der Tätowierer diese dann annimmt, bleibt aber ganz ihm überlassen.

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Lass dir Zeit. Ein Trend, den ich als passionierte Bildchensammlerin nicht nachvollziehen kann: Sich in wenigen Jahren komplett und lückenlos zuhacken lassen. Ich plädiere dafür, sich Zeit zu nehmen. Dein Geschmack wird sich ändern und es wird vielleicht Ereignisse und Erfahrungen geben, die du mit einem Tattoo dokumentieren möchtest. Das geht natürlich nicht, wenn du bereits mit 20 bis unter die Unterlippe zugetackert bist. Easy.

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Happy Mimi is happy!

Auch, wenn es piefig klingt: Lasst euch gut sichtbare Körperstellen erst dann tätowieren, wenn ihr sicher seid, in welche Richtung es beruflich gehen soll. Viele Arbeitgeber lehnen stark tätowierte Angestellte leider immer noch ab. Lasst euch also erstmal den Rücken tätowieren, vielleicht die Oberarme oder die Beine. Die Schläfen und den Handrücken könnt ihr euch immer noch stechen lassen.

Hier geht es übrigens zur Facebook Seite vom Lowbrow Tattoo Parlour und hier zur Seite von Sebastian Domaschke.

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